Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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die Atome ebenſowohl in die Aetherhülle des Sauerſtoffs als in die des andern Elements zuſammen⸗ treten; es kann daher die entwickelte Wärmemenge in einzelnen Fällen derjenigen gleich ſein, die bei der Verbrennung der zuſammengeſetzten Körper entſteht, in andern nicht. All dieſe Sätze bewähren die genauſten Verſuche.¹) Kommt ein Element in mehreren Zuſtänden vor, wie z. B. der Kohlenſtoff, der Schwefel, der Phosphor, ſo kann dies nur darin beruhen, daß im einen Zuſtand die Körperatome eine andere Entfernung beſitzen, als im andern, daß daher im einen Zuſtand mehr Aether zwiſchen den Atomen vorhanden iſt, als im andern; es müſſen deßhalb auch bei der Verbrennung der ſogenannten allotropiſchen Modificationen der Elemente verſchiedene Wärmemengen entſtehen, während bei der Ver⸗ brennung ſolcher Modificationen ſehr zuſammengeſetzter Körper ein ſolcher Unterſchied nicht ſtattfindet, vorausgeſetzt, daß die Verbrennungsprodukte dieſelben ſind.

Bei der Verbindung zuſammengeſetzter Körper bilden ſich ſehr verwickelte Moleküle, die ſtarke Anziehung ausüben, folglich wird weniger Aether frei werden koͤnnen, ſich alſo nur eine ge⸗ ringe Wärmemenge entwickeln; beſonders gering muß dieſelbe ausfallen, wenn die Verbindung wie bei den ſtarken Baſen und Säuren nur eine Subſtitution des Hydratwaſſers durch einen andern Stoff iſt. Aechte Verbindungen dagegen, wie Schwefelſäure mit der Baſis Waſſer, oder Kalk mit der Säure Waſſer müſſen eine größere Wärmemenge liefern, da hier Aetherhüllen frei werden.

Das Gegentheil der chemiſchen Verbindung, die Zerſetzung, beſteht in einem Austreten der Atome aus einer gemeinſchaftlichen Aetherhülle; jedes austretende Atom aber zieht ſich eine Aetherhülle herbei; es muß demnach Aether gebunden oder Kälte erzeugt werden. Iſt aber bei einem ſolchen Austritt ſo⸗ gleich ein anderes Atom vorhanden, welches das ausgetretene mit chemiſcher Verwandtſchaft anzieht, ehe dasſelbe eine Aetherhülle angezogen hat, ſo bedarf es dazu nur geringer Kraft, weil die Abſtoßung der Aetherhülle noch nicht vorhanden iſt. So erklärt ſich die große Neigung zu chemiſchen Ver⸗ bindungen, wenn die Elemente in statu nascendi ſind.

Wenn zwei Stoffe von großer Verwandtſchaft mechaniſch gemengt ſind und viel Aether zwiſchen ſie hineingetrieben wird, ſo ſetzt derſelbe auch ihren Aether in Strömung, macht ſo für Augenblicke die Körperatome ätherfrei, führt andere in der lebhaften Strömung nahe an ihnen vorbei und gibt ſo die Möglichkeit der chemiſchen Verbindung. Sind aber Stoffe von geringer Verwandtſchaft verbunden und eine Aetherſtrömung macht die Moleküle frei, ſo werden ſich die gleichartigen Atome ſtärker anziehen, die Stoffe werden ſich alſo ſcheiden. Dieſe Betrachtung erläutert die Wirkung der Wärme bei der chemiſchen Verbindung und Zerſetzung. Anhänger der Bewegungslehre können der Wärme nur eine zerſetzende Wirkung zuerkennen, da durch lebhaftere Bewegung der Atome dieſelben nur in größere Entfernung kommen können; aber muß nicht bei der Einleitung, wie auch Erhaltung vieler Verbrennungen Wärme vorhanden ſein, ohne daß ihre ſchmelzenden oder zerſetzenden Eigenſchaften zur Wirkung kommen und müßte nicht die ſtark zerſetzende Wirkung die durch Schmelzung hervorgerufene größere Annäherungsfähigkeit wieder aufheben? G

§. 18. Die Sonnenwärme. Seitdem durch die genialen Forſchungen Kirchhoff's in der Atmoſphäre der Sonne die Dämpfe vieler Metalle z. B. des Eiſens in großer Menge nachgewieſen ſind, beſteht für die Erklärung der Sonnenwärme keine Schwierigkeit mehr.*) Die bisherige Anſicht Herſchels und Aragos von einem dunkeln Sonnenkern, umgeben von einer Lichthülle, mußte fallen. Wie die Erde in der Urzeit, ſo befindet ſich die Sonne gegenwärtig noch in feurig flüſſigem Zuſtande. Wärme, Gluth iſt freiwerdender Aether; die Sonne ſtößt alſo fortwährend nach allen Seiten Aether aus. Aether aber iſt wegen ſeiner nach allen Richtungen ausſtrahlenden Abſtoßung abſolute Elaſticität. Wenn nun in einer Reihe elaſtiſcher Kugeln, die einander berühren, die erſte einen Stoß

¹) Kopp, a. a. O. S. 235. ²) Kirchhoff, Unterſuchungen über das Sonnenſpektrum, S. 1221.