Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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ſind dieſelben ſo heftig geworden, daß ihre Anzahl 450 Billionen in einer Sekunde beträgt, ſo iſt neben der Wärme auch rothes Licht vorhanden; jedes allmälige Erglühen muß alſo mit Roth be⸗ ginnen. Wird die Aetherentwicklung noch heftiger, ſo werden Schwingungen von größerer Schnellig⸗ keit unter die vorigen gemiſcht; gelbe, blaue Lichtſtrahlen entſtehen, die mit den rothen zuſammen die Weißglühhitze ausmachen. So erklärt ſich einfach die Entſtehung von Wärme und Licht bei raſcher Verbrennung. Geht die chemiſche Verbindung langſam vor ſich, ſo muß ſich natürlich allmälig eben ſo viel Aether entwickeln, als bei raſcher Verbrennung; wegen des langſamen Austretens desſelben aber hat er Zeit, ſich in größere Entfernung auszubreiten; demnach können zwar Schwingungen entſtehen, aber von ſo geringer Anzahl, daß ſie noch kein Licht ſind, wenigſtens nicht für die menſchlichen Augen unter gewöhnlichen Umſtänden. Bei langſamer Verbrennung entſteht alſo Wärme, aber kein Feuer.

So iſt der Vorgang bei der Verbrennung von Elementen, wie Kohle, Schwefel, Phosphor ꝛc., bei der Oxydation der Metalle, bei der Schwefelung des Kupfers, der Chlorung des Antimons u. ſ. w.; etwas anders geſtaltet ſich derſelbe, wenn zuſammengeſetzte Körper verbrennen z. B. Holz, deſſen Mole⸗ kül aus vielen Atomen Kohlenſtoff, Waſſerſtoff und Sauerſtoff beſteht und bei deſſen Verbrennung aus dieſem einen Molekül viele Moleküle Kohlenſäure und Waſſerdampf entſtehen. Bei einem Molekül Holz

nämlich liegen nach allen Richtungen viele Atome in einer Reihe, wie nebenſtehende Durch⸗ ſchnittsfigur zeigt; es findet daher nach allen Richtungen auf die Aetheratome eine ver⸗ 45 ſtärkte Anziehung ſtatt, die nach dem Maß der Atomenzahl großer iſt, als bei einem Atom, nur verkleinert durch die etwas größere Entfernung der hinteren Atome in einer Reihe. Es ſammelt daher jedes Molekül faſt ebenſoviel Aether um ſich, als wenn alle ſeine Atome einzeln ihre Aetherhüllen hätten. Zerfällt jetzt das Molekül durch die Verbindung mit Sauerſtoff oder die Verbrennung in Kohlenſäure und Waſſergas, ſo muß demnach gerade wie bei der Elementenverbrennung Aether frei werden, nur etwas weniger. Das bewährt die Erfahrung: ein Aequivalent Terpentinöl, das aus 36 Atomen Kohlenſtoff und Waſſerſtoff beſteht, liefert durch Verbrennung 1475872 Wärme⸗ einheiten, alſo für ein Atom durchſchnittlich 41000, während ein Aequivalent Kohlenſtoff 48500 und ein Aequivalent Waſſerſtoff 34500 und daher durchſchnittlich 41500 Wärmeeinheiten ergeben. 1) Es bewährt ſich alſo unſer, aus der Theorie abgeleiteter Satz, daß ein ſehr zuſammengeſetztes Molekül und Elementenatome bei der Verbrennung für jedes Atom faſt gleichviel Wärme liefern und daß bei dem Molekül die gelieferte Menge etwas kleiner ſein muß. So wie überhaupt, wenn die Aetheranſchauung richtig iſt, an allen Stellen neue Sätze zum Vorſchein kommen müſſen, deren nachherige Bewährung erſt die Wahrheit der Theorie zweifellos machen würde, ſo ſtößt uns hier ſo⸗ gleich ein Satz auf: Verbinden ſich Atome zu ſehr zuſammengeſetzten Molekülen, ſo kann nur eine Spur von Wärme frei werdenz zerfallen ſehr zuſammengeſetzte Mole⸗ küle in Atome, ſo kann nur eine Spur von Wärme gebunden werdenz denn wir zeigten ja oben, daß in beiden Fällen die umgelagerte Aethermenge faſt gleich iſt.

Bei der Verbrennung vielfach zuſammengeſetzter Moleküle liegt natürlich die größere Anziehungs⸗ kraft in dem Molekül; es werden daher die einzelnen Sauerſtoffatome zu dem Molekül hingezogen und wirken zerſetzend auf dasſelbe; es iſt alſo nicht der Aether des Moleküls, der dabei frei wird, ſondern der Aether des Sauerſtoffatoms. Da nun alle Sauerſtoffatome gleichviel Aether um ſich haben, ſo folgt daraus der Satz, daß bei der Verbrennung von ſehr zuſammengeſetzten organiſchen Körpern die Wärme⸗ menge der verbrauchten Sauerſtoffmenge proportional iſt, daß alſo gleiche Sauerſtoffmengen gleiche Wärmemengen entwickeln. Verbindet ſich dagegen der Sauerſtoff mit einem Element, ſo können

¹) Kopp, Phyſikaliſche Chemie, Seite 233.