Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
Einzelbild herunterladen

106

erhält, ſo bleiben alle in Ruhe und nur die letzte fliegt mit einer der Stoßkraft entſprechenden Ge⸗ ſchwindigkeit fort. Ebenſo iſt der Weltraum mit Aether angefüllt, deſſen Atome ſich zwar nicht direkt berühren, aber mit ihren Abſtoßungſtrahlen, die ja unendlich dicht neben einander liegen, an und in einander greifen und demnach ſich verhalten, wie jene Kugeln von beſchränkter Elaſticität, nur ihrer unbeſchränkten Elaſticität wegen noch augenblicklicher in ihrer Stoßwirkung. Es müſſen demnach, ſo⸗ wie die Sonne uns aufgeht, Aetheratome in unſere Atmoſphäre hineingeſchleudert werden, ohne daß der Aether des Weltraums vermehrt wird; es ſind ja nicht die von der Sonne ausgeſtrahlten, ſondern die unſrer Atmoſphäre nächſten Atome, welche in dieſelbe eindringen, während ſie durch jene erſetzt werden. Die oberſten Schichten unſerer Luft aber ſind dem freien Aether ſehr ähnlich, da in ihnen ſich nur wenige Körperatome befinden. Es wird daher der freie ſtoßende Aether des Weltraums in ihnen ebenſo dichten freien Aether antreffen und die Bewegung ſich demnach durch denſelben fortpflanzen, ohne ihn zu vermehren. Kommen dann die fortgeſtoßenen Aetheratome an dichteren Aether, ſo wird von demſelben eine rückſtoßende Kraft ausgeübt, welcher der Sonnenſtoß des freien Weltäthers ſogleich entgegenwirkt, ſo daß die herbeigeſtoßenen Aetheratome nicht zurück können; es muß alſo der Aether in den dichteren Luftſchichten dichter und die Wärme vermehrt werden. Dies wird um ſo vollſtändiger der Fall ſein, je mehr die Elaſticität des Luftäthers im Stande iſt, die ankommenden Aetheratome zurückzuſtoßen, ohne daß dieſelben wegen ſogleich neu hinzukommender Aetheratome dem Rückſtoß folgen können. Es muß demnach die Erwärmung der Luft durch die Sonnenſtrahlen um ſo ſtärker ſein, je dichter dieſelbe iſt.

§. 19. Wärmeerzeugung durch Raumverkleinerung des Stoffes. Durch Zuſam⸗ mendrücken der Körper, durch Stoß, Schlagen, Hämmern, Prägen u. drgl. wird bekanntlich Wärme er⸗ zeugt; allen dieſen Verrichtungen gemeinſam iſt die Raumverminderung des Stoffes. Eine ſolche kann nur vor ſich gehen, wenn die Körperatome einander genähert werden, und dieſes muß geſchehen, wenn ein äußerer Druck von ſolcher Größe ausgeübt wird, welche die Abſtoßung des Aethers überwiegt. Dann aber müſſen auch die Aetheratome mehr zu einander gedrängt, alſo die Dichte des freien Aethers oder die Temperatur erhöht werden. Die Annäherung der Atome geht ſo weit, bis die nach§. 13 ſtärker vergrößerte Abſtoßung des Aethers der verſtärkten Anziehung und der äußeren Druckkraft das Gleichgewicht hält. Wird der Druck vergrößert, oder der Schlag wiederholt, ſo muß auch die Dichte des freien Aethers wieder vergrößert, alſo die Temperatur abermals erhöht werden. Auf dieſe Weiſe ſoll man einen Nagel glühend hämmern können. Doch wird die Wärmeerzeugung nicht über jede Grenze hinausgehen; denn endlich werden die dichteſten Stellen der Aetherhüllen einander gegenüber⸗ ſtehen und eine ſo ſtarke Abſtoßung äußern, daß ſie nicht mehr überwunden werden kann. Dann kann ferneres Hämmern keine Wärme mehr erzeugen. Ferner ſtehen ſich bei jeder folgenden Zuſammen⸗ preſſung dichtere Aethermaſſen gegenüber; es muß alſo bei öfter wiederholten Stößen oder bei gleicher Druckvermehrung die Wärmeentwickelung in ſteter Abnahme begriffen ſein. So erzeugt der Präge⸗ ſtempel beim erſten Stoß die großte Wärmemenge. Die Stoßkraft der folgenden Stöße kann aber nicht erfolglos, nicht ganz verloren ſein, denn Arbeit kann nicht vernichtet werden, ein Prinzip, das jetzt all⸗ gemein in der Mechanik gilt.¹) Kann die Stoßkraft nicht auf die Atome des gehämmerten Körpers wirken, ſo muß ſie durch den Rückſtoß des Aethers desſelben ſich auf den Hammer fortpflanzen und deſſen Wärme erhöhen oder ſie muß die Atome in Schwingungen verſetzen, die ſich durch die Verbin⸗ dung aller Körper mit der Erde derſelben mittheilen und in ihr ausbreiten. Dieſe Betrachtung gilt für alle feſten und flüſſigen Körper, alſo auch für das Eis; nur wird hier die erzeugte Wärme ſogleich zum Flüſſigwerden verbraucht. Eis muß daher durch Zuſammenpreſſentheilweiſe ſchmelzen. ²)

¹) Helmholt;z, die Erhaltung der Kraft. ²) Mouſſon, Poggendorff's Annalen, Band 105. S. 161.