Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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Erſcheinungen aus den Bewegungen, ſondern auch über die Art der Bewegung ſelbſt, ja ſogar über den Stoff, deſſen Bewegung die Wärme ſein ſoll. Bei dem Einen ſind es die Körper⸗Atome, bei dem An⸗ dern die ganzen Moleküle, bei dem Dritten die Aetheratome, bei einem Vierten die Aetherhüllen, bei einem Fünften Alles zuſammen und wieder bei Andern die Theile eines eigenen Wärmeäthers, deren Bewegung die Wärme ausmacht. Bei den glänzenden Erfolgen aber, welche die Schwingungslehre er⸗ rang, bei den tiefen und feinen mathematiſchen Behandlungsweiſen, welche dieſelbe zuläßt, iſt ihre große Geltung um ſo mehr zu begreifen, als die Stoffanſchauung nicht nur die neu entdeckten Wärmeerſchei⸗ nungen unerklärt ließ, ſondern ſich auch ſonſt Blößen genug gab. Sie wurde auch von ihren An⸗ hängern nie als volle und unumſtößliche Wahrheit verkündet, ſondern nur als ein Nothbehelf, als einigende Grundlage für die Zuſammenfaſſung der Erſcheinungen, bis die Wahrheit gefunden würde. Sie erhielt ſogar einen Anſtrich von Lächerlichkeit, wenn man dieſen eigenen Wärmeſtoff den andern drei noch in der Phyſik herumſpuckenden, geſpenſterartigen, unwägbaren Fluiden, dem Lichtſtoff, der magnetiſchen und electriſchen Flüſſigkeit zur Seite ſtellte, alſo 4 Imponderabilien annahm, die unab⸗ hängig und doch mit einander die Koͤrperwelt durchfloſſen, von denen jedes ſeine eigenen, faſt perſön⸗ lichen Sonderbarkeiten hatte, welche die des andern ausſchloſſen, während ſie doch jeden Augenblick in der innigſten Verbindung und Wechſelwirkung ſtanden, ja ſich gegenſeitig erzeugten. Dieſem Unfug gegenüber muß freilich auch ein eigener Wärmeſtoff, ſo bequem er iſt, fallen. Außerdem liegt ja das Weſen eines Stoffes in ſeiner Kraft; andere Stoffkräfte aber, als Anziehung und Abſtoßung ſind nicht denkbar; ſonach kann es auch nur 2 verſchiedene Arten von Stoff geben: Körperſtoff und Aether, ein eigener Wärmeſtoff kann nicht zugelaſſen werden.

Erſte Grundanſchauung: 3. Die Wärme iſt ein Stoff.

§. 12. Soll eine dem Stand der Viſſenſchaft entſprechende Stoffanſchauung für die Wärme aufrecht erhalten werden, ſo müſſen wir nach dem Vorausgehenden zunächſt von einem eigenen Wärme⸗ ſtoff ganz abſehen und dann nur Aether und Körperſtoff als vorhanden annehmen. Da nun die Wärme nach den ſinnreichen Verſuchen von Rumford ¹) kein nachweisbares Gewicht hat, wie es ſelbſt der feinſte körperliche Stoff beſitzt, ſo können wir als Grundlage einer neuen Stoffanſchauung der Wärme nur den Satz ausſprechen: Wärme iſt Aether. ²) Dieſer Satz enthält eine reine Vermuthung, eine bloße Möglichkeit, die zu einer der Gewißheit nahen Wahrſcheinlichkeit erhoben wird, wenn es gelingt, ſämmt⸗ liche Wärmeerſcheinungen auf mathematiſchem Wege aus ihm abzuleiten; hier ſoll dies einſtweilen allgemein verſtändlich auf dem Wege mathematiſch⸗ſtrenger Folgerung verſucht werden. Denn, was wahr und richtig iſt, muß ſich nicht bloß durch Verbindung mathematiſcher Formeln, ſondern, wie es bei der Lehre vom Licht der Fall iſt, auch durch Worte darthun laſſen. Unſere Vermuthung fällt aber, wenn ihr eine einzige Erſcheinung widerſpricht. Zum Zwecke dieſer Ableitung müſſen wir zunächſt die Wirkung der Anziehung und Abſtoßung der Atome aufeinander ins Auge faſſen.

§. 13. Die Anziehung, die durch ein Körperatom auf irgend eine Stelle der Aetherhülle aus⸗ geübt wird, muß der dort herrſchenden Abſtoßung gleichkommen, damit Gleichgewicht ſtattfinde. Dieſe Abſtoßung aber ſetzt ſich zuſammen aus derjenigen der Aetheratome an dieſer Stelle und der hierher ſich fortpflanzenden Abſtoßung der andern Aetheratome, weßhalb die auf ein Körperatom ausgeübte Abſtoßung aus drei Theilen beſteht: aus der Abſtoßung der nächſten Aether⸗Schichte, aus der Abſtoßung

¹) Philosophical Transactions. T. 89· p. 179. ²) In dieſer allgemeinen Faſſung iſt der Satz neu; in Einzeln⸗ heiten gebrauchten ſchon Manche, z. B, Eiſenlohr, Wärme und Aether als gleichgeltend. 2*