Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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Hohne preis. In die allgemeine Verhöhnung kann ich nun nicht einſtimmen; zwar war der Irrthum in chemiſcher Beziehung ein ſchwerer und den Fortſchritt hemmender; allein daß bei der Verbrennung ein ätheriſcher, mit abſtoßenden Kräften begabter Wärmeſtoff frei werde, wurde ſogleich nach dem Falle des Phlogiſtons von Laplace ausgeſprochen ¹) und bis heute von den meiſten Phyſikern feſtgehalten, wenn auch viele durch die herrlichen Arbeiten auf dem Gebiete der Bewegungstheorie der Wärme wankend gemacht wurden. Anhänger der Anſchauung, daß die Wärme eine den übrigen Sinnen entgehende ſehr ſchnelle und feine Bewegung ſehr kleiner Theilchen ſei, traten auch während der phlogiſtiſchen Zeit, be⸗ ſonders aber in unſerm Jahrhundert mit gewichtigen Gründen auf. So machte Graf Rumford von 1778 1800 Verſuche, aus denen er die Unzuläſſigkeit der Annahme eines Wärmeſtoffes folgerte; es waren Verſuche über Entſtehung der Wärme durch Reibung und über Vereinigung der Wärmeſtrahlen in dem Brennpunkt eines Hohlſpiegels, aus denen für Rumford eine innere Aehnlichkeit der Wärme mit dem Schall hervorzugehen ſchien. Ihm folgten Davy und Young, während Ampdre(1830) ſchon angibt, daß die Wärme eine Bewegung der Körperatome innerhalb der Moleküle ſei. Da es aber nicht gelang, die Wärmeerſcheinungen durch eine ſolche Annahme zu erklären, ſo traten Berthollet und Andere als Vertheidiger des Wärmeſtoffs auf.. §. 11. Inzwiſchen war es gelungen, die Lichterſcheinungen als Aetherſchwingungen zu erklären. Zu dieſem Erfolg hatte beſonders beigetragen die Entdeckung der Interferenz, der Doppelbrechung und Polariſation des Lichtes; die Interferenz zeigt die Erſcheinung, daß Licht zu Licht gebracht unter Um⸗ ſtänden Finſterniß erzeugt, was ſich einfach dadurch erklärt, daß entgegengeſetzte Aetherſchwingungen ſich ganz oder theilweiſe aufheben müſſen; die Doppelbrechung iſt mit Polariſation verbunden und ergibt, wie dieſe, Lichtſtrahlen, deren Aetherſchwingungen einander parallel ſind; trefſen dieſe auf eine durch⸗ ſichtige Glasſcheibe parallel zur Oberfläche derſelben, ſo können ſie nicht in dieſelbe eindringen, weil zwiſchen den Atomen kein Raum für ſie iſt: die Glasſcheibe muß daher dunkel erſcheinen. Stehen ſie aber ſenkrecht auf der Scheibe, ſo können ſie zwiſchen die Atome hineinhacken, wie eine Nadel wohl mit der Spitze, aber nicht mit ihrer Länge in Papier eindringen kann, und die Glasſcheibe muß hell erſcheinen. Als nun mit dem vortrefflichen Apparate Melloni's nicht nur Brechung, Interferenz, Doppelbrechung und Polariſation der Wärme nachgewieſen, ſondern ſogar Modificationen der Wärme aufgefunden wurden, die den Farben des Lichtes entſprechen, da ſchien Vielen eine innere Aehnlichkeit, ja ſogar eine volle Uebereinſtimmung, eine Identität von Wärme und Licht bewieſen. Da aber dieſe Erſcheinungen beim Licht entweder ſehr einfach oder gar nur durch die Schwingungstheorie erklärt werden können, ſo glaubte man dasſelbe auch von den entſprechenden Wärmeerſcheinungen behaupten zu dürfen und hoffte, bald die Wärme ebenfalls als einen Bewegungszuſtand des Aethers oder der Körper⸗ theilchen erklärt zu ſehen. Doch ſind ſeitdem mehr als 20 Jahre vergangen, und, ſo geiſtvoll die in dieſen Jahren erſchienenen Arbeiten zur feſteren Begründung und weiteren Anbauung der Bewegungs⸗ theorie der Wärme auch ſind, ſo wagte es doch noch kein Lehrbuch, die Wärmelehre der Optik ähnlich umzugeſtalten: der Wärmeſtoff war und iſt das Mittel der Erklärung und nur in dürftigen Anhängen wird auf die neuen Anſchauungen hingewieſen. Dieſe unverwüſtliche Dauer der Stoffanſchauung, trotz der allgemein anſteckenden Begeiſterung für die Bewegung, die ſo verführeriſch wirkte, daß man ſogar verſucht hat, die organiſchen Erſcheinungen, ja ſelbſt die geiſtige Thätigkeit des Menſchen als Bewegungs⸗ zuſtände ¹) darzuſtellen, muß doch wohl einen tieferen Grund haben, als die bloße Einfachheit, obwohl dieſer für einen Lehrer an Mittelſchulen ſchon gewichtig genug iſt, und dieſen tieferen Grund finden wir eben in einer großen Annäherung an die Wahrheit; ihn unterſtützt die Thatſache, daß die Bekenner der Bewegungslehre ſich in der größten Uneinigkeit befinden, nicht nur über die Art der Ableitung der

¹) Laplace, Mécanique céleste, T 5. p. 90. ²) Wiener, Grundzüge der Weltordnung