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die er allen Weltkörpern mittheilt, ſo daß ſie auch im Kreiſe ſchwingen. ²) Nach Ariſtoteles erfüllt er nicht bloß den Weltraum, ſondern durchdringt auch alle Körper und verleiht dadurch denſelben ihre Lebenswärme. Von unſerm in§. 5 geſchilderten Aether unterſcheidet er ſich durch ſeine feurige Natur, ſeinen hellen, weitſtrahlenden Glanz, den ihm ſchon Empedokles aus Agrigent(440 v. Chr.) beilegt, weßhalb Einige ſeinen Namen von alSery(brennen) ableiten. ²*) So erſcheint alſo ſchon den älteſten Naturforſchern, wie man wohl die griechiſchen Philoſophen nennen kann, die Wärme entweder als Stoff oder als eine Wirkung des Aethers; von unſerm modernen Standpunkt aus müßten wir für den letzten Ausdruck Bewegung des Aethers ſetzen, da wir eine Wirkung eines Stoffes ohne Bewegung nicht kennen, ja jede mechaniſche Wirkung als Stoffbewegung erklären.
§. 10. Auch beim Eintritt in die neuere Wiſſenſchaft begegnet uns ſofort bezüglich der Wärme eine Zwieſpaltigkeit der Anſichten. Während Baco von Verulam ⁴)(1561—1626), dem die Materie als Poſitives und Thätiges erſcheint, die Wärme als eine Wellenbewegung der kleinſten Körpertheile anſieht und ſo der Vorläufer der mechaniſchen Wärmetheorie unſerer Tage geworden iſt, erklärt Car⸗ teſius(1596— 1650) einmal das Feuer für einen Körper ohne Schwere ⁵) und das anderemal die Wärme für eine Folge der Bewegung ſeiner ſubtilen Materie; 6) dem entgegen ſieht Newton die Wärme für ein ätheriſches Fluidum, mit Abſtoßung begabt, an, eine Meinung, in der ihm die meiſten Gelehrten des vorigen Jahrhunderts, ſo Chr. Wolff und L. Euler, der ſonſt Carteſianer war, bei⸗ ſtimmen. Uebrigens waren die Anſchauungen des vorigen Jahrhunderts über die Wärme bei allen Nationen vielfach getrübt und verwirrt durch den anderthalb Jahrhunderte andauernden phlogiſtiſchen Streit, zu dem eigentlich hier in Mainz der Grund gelegt wurde.
Im Jahre 1666 berief der Kurfürſt Joh. Phil. von Schönborn den Naturforſcher Johann Joachim Becher!)(1635 zu Speier geboren, 1682 in England geſtorben) als Leibarzt und Profeſſor der Mediecin nach Mainz. Dieſer unruhige und phantaſtiſche Geiſt machte hier Forſchungen über die chemiſche Einwirkung der Stoffe aufeinander und gelangte dadurch zu der ſonderbaren Meinung, daß alle unterirdiſchen Körper aus 3 Erden, der verglasbaren, brennbaren und mercurialiſchen Erde beſtän⸗ den, und daß die Verbrennung Nichts ſei, als eine Austreibung, ein Freiwerden der zarten verbrenn⸗ lichen Erde(Terra pinguis), die wir uns als einen ätheriſchen Stoff vorſtellen müſſen. Stahl (1660— 1734), der größte Chemiker und Mediciner ſeiner Zeit, folgert aus den Angaben Bechers, (Becheriana sunt, quae profero, ſagt der beſcheidene Stahl), daß in allen verbrennlichen Körpern ein und derſelbe Beſtandtheil enthalten ſei, der ihnen die gemeinſchaftliche Verbrennlichkeit ertheile. Er nannte dieſen Stoff Phlogiſton von dο*εey,(in Brand ſetzen) und meinte, alle Verbrennung oder Ver⸗ kalkung ſei eine Abſcheidung des Phlogiſtons, deſſen Ausfluß in großer Menge das Feuer bilde. Während wir Kohle, Schwefel, Metalle für Elemente halten und die Verbrennung für eine Verbindung derſelben mit Sauerſtoff erklären, wodurch Kohlenſäure, ſchweflige Säure, Metallkalke entſtehen, behauptete Stahl umgekehrt, die genannten Elemente ſeien eine Verbindung der Kohlenſäure, der ſchwefligen Säure, der Metallkalke mit Phlogiſton, durch deſſen Vertreibung jene Elemente entſtänden, während das freiwerdende Phlogiſton ſelbſt die Urſache der Wärmeerſcheinungen bilde. Durch das Anſehen Stahls gewann dieſe Meinung die Oberhand und ſiel erſt, als Lavoiſier nachgewieſen hatte, daß beim Verbrennen das Entſtehende mehr wiege, als der verbrannte Stoff vor der Verbrennung wog. Gren ſuchte zwar das Phlogiſton durch die Eigenſchaft der negativen Schwere zu retten, gab dasſelbe aber dadurch dem
¹) Marbach, Geſchichte der griechiſchen Philoſophie. S. 269.— ²) Al. v. Humboldt, Kosmos, 3. S. 43.— ²) De forma calidi. Works. London. 1778.— ⁴) Leopold Schmid, Vorleſungen über neuere Philoſophie.— ⁵) Gehler, Phyſikaliſches Wörterbuch, X. S. 55.— ⁶) Kopp, Geſchichte der Chemie, I. S. 177.— Whewell, Geſchichte der induc⸗ tiven Wiſſenſchaften, deutſch bearbeitet von Littrow, III. S. 127. 2


