Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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8.

Atome beſtänden aus Gruppen von innig mit einander verbundenen Waſſerſtoff⸗Atomen; darauf deutet der Umſtand hin, daß die Gewichte der Elementenatome meiſt ein Vielfaches ſind von dem Gewicht des Waſſerſtoffatoms; darauf deuten z. B. die merkwürdigen Beobachtungen Plücker's in Bonn über die Veränderungen des electriſchen Stickſtofflichtes, ¹) ſowie überhaupt die Thatſache, daß mehrere Ele⸗ mente z. B. der Sauerſtoff, der Phosphor in verſchiedenen Zuſtänden auftreten können, die ſich hin⸗ ſichtlich der chemiſchen und phyſikaliſchen Eigenſchaften von einander unterſcheiden; der in einen früher unbekannten beſonders erregten Zuſtand verſetzte Sauerſtoff wurde Ozon genannt und für die Erklä⸗ rung der wohlklingende Name:allotropiſche Modifikation erfunden.²) Clauſius hat in neuerer Zeit den Unterſchied des gewöhnlichen Sauerſtoffs vom Ozon darin zu finden geglaubt, daß beim erſten in jeder Dynamide 2,) beim letzten nur 1 Atom Sauerſtoff liege. Wenn alſo chemiſche Unterſchiede ſich erklären laſſen durch die Lagerung der Atome hier im Kleinen, warum ſollte es im Großen nicht möglich ſein?

2. Geſchichtliche Entwickelung der beiden Hauptanſichten über die Natur der Wärme.

§. 9. Schon die älteſten griechiſchen Philoſophen 4) ſprachen Anſichten über die Entſtehung und das Weſen der Wärme aus, aber auch ſchon bei ihnen tritt, wenn auch verhüllt durch den Schleier der Sprachdunkelheit, eine Zwieſpaltigkeit der Anſchauungen auf: die Wärme iſt auch bei ihnen ſchon ent⸗ weder ein Stoff oder eine Wirkung.

Thales aus Milet(570 v. Chr.) glaubte, das Warme ſei, wie Alles Erſcheinende, eine Wir⸗ kung des Feuchten, ſelbſt das Feuer der Sonne und der Geſtirne entſtehe aus dem Waſſer. Anaximenes aus Milet(550 v. Chr.) lehrte, daß das Kalte eine Wirkung der Verdichtung der Luft ſei, das Warme dagegen durch Verdünnung derſelben entſtehe. Heraklit aus Epheſus(500 v. Chr.) dagegen erklärt, Urgrund aller Dinge köͤnne nur das ſein, was im Entſtehen vergehe und im Vergehen entſtehe; dieſe wechſelſeitige Verzehrung der negativen Gegenſätze ſei aber das Feuer; für ihn iſt alſo das Feuer Stoff und Wirkung gleichzeitig, während Demokrit aus Abdera(460 v. Chr.), der Begründer der atomiſtiſchen Philoſophie, das Feuer und die Seele aus runden Atomen, alſo aus Stoff, beſtehen läßt. Bei Pythagoras(540 v. Chr.), dem die Zahl der Urgrund aller Dinge iſt, gruppirt ſich die Einheit zu den fünf regelmäßigen Körpern, welche die fünf Elemente vorſtellen. So iſt das Tetraeder, der einfachſte dieſer fünf Körper, das Urbild und die Grundlage des Feuers, welches als eigenes Element, alſo als unabhängiger Stoff, in der Mitte des Weltalls thront und den 10 um es kreiſenden Welten Wärme und Leben verleiht. Bei ihm tritt aber auch ſchon der Aether als fünftes Element auf, in räthſelhafter Weiſe durch das von 12 regelmäßigen Fünfecken umſchloſſene Dodekaeder dargeſtellt.

Auch bei den folgenden Philoſophen des Alterthums iſt das Feuer eines der 4 Elemente, nicht aber in dem mittelalterlich⸗alchymiſtiſchen Sinne, daß Alles aus den 4 Elementen zuſammengeſetzt ſei, ſondern als der Urgrund der Licht⸗ und Wärme⸗Erſcheinungen, des Magnetismus und der Electricität, eben ſo wie Erde als Grundlage alles Feſten, Waſſer als Element alles Flüſſigen und Luft als Urbild alles Gasförmigen dargeſiellt wurde. Die Wärme iſt alſo Stoff und Wirkung je nach der Art ihres Auftretens. Der Aether aber iſt kein Element mehr, wie bei Pythagoras, iſt nicht, wie ein ſolches, ſchwer oder anziehend, ſondern wie bei uns, ein den Weltraum erfüllender Stoff von großer Dünne und Feinheit, in ewig kreiſender Bewegung, von welcher er den Namen hat(àπα τον Sesv dεε) ⁵5) und

¹) Verhandlungen des niederrheiniſchen Naturforſcher⸗Vereins, Köln. Ztg. Dez. 62. ²) Denn eben, wo Begriffe fehlen, da ſtellt ein Wort zur rechten Zeit ſich ein. ³) Poggendorff's Annalen, Band 103. S. 644.) Leopold Schmied in Gießen, Vorleſungen über alte Philoſophie.) Aristoteles, de coelo. I. 3.