Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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organiſchen Körpern die Zahl der Atome in einer Aetherhülle nur gering iſt, ſo können auch nur nach wenigen Richtungen Reihen von Atomen liegen, es kann daher nach dieſen wenigen Richtungen ſtärkere Anziehung auftreten, welcher dann die anderen Moleküle folgen, ſo daß Molekül nach Molekül ſich in dieſen Richtungen aneinander ſetzt und ſo regelmäßige Geſtalten oder Kryſtalle entſtehen. Bei orga⸗ niſchen Körpern müſſen nach vielen Richtungen Reihen von Atomen liegen, alſo können in keiner Rich⸗ tung Anziehungskräfte überwiegend auftreten, folglich auch keine Kryſtalle entſtehen. Kryſtalle können ſich aber bei den unorganiſchen Stoffen nur dann bilden, wie eben erläutert, wenn die Moleküle zu⸗ ſammentreten können, alſo nicht durch äußere Umſtände in eine gewiſſe Lage gezwängt werden, wodurch der amorphe oder geſtaltloſe Zuſtand entſtände. Bilden ſich aber an verſchiedenen Punkten viele Kry⸗ ſtallanfänge, ſtatt daß Molekül nach Molekül zu dem erſten Kryſtallkeim tritt, ſo hindern ſie ſich gegen⸗ ſeitig an der Ausbildung und bilden den kryſtalliniſchen Zuſtand.

§. 8. Andere Stoffverſchiedenheiten der Körper hängen zu eng mit den Wärmeverhältniſſen zu⸗ ſammen, ſo daß erſt ſpäter ihre Erklärung verſucht werden kann. Nur ein Unterſchied muß noch er⸗ wähnt werden, nämlich der chemiſche Unterſchied der Elemente oder die verſchiedenen Grade der chemiſchen Verwandtſchaft. Es iſt bekannt, daß die 64 Elemente ganz ſonderbare Liebhabereien für, und Abneigungen gegen einander haben; einzelne verbinden ſich ſchon mit exploſiver Schnelligkeit, wenn ſie zuſammen⸗ gebracht nur vom Tageslicht berührt werden, andere, wie z. B. der Sauerſtoff, verbinden ſich faſt mit allen übrigen und halten den erwählten Gefährten mit großer Stärke feſt, während wieder andere nur durch große Gewalt, wie der elektriſche Schlag etwa iſt, oder durch die ausgeſuchteſten chemiſchen Künſte zur Verbindung gebracht werden können und darin nur mit einer Art Widerſtreben bleiben, ja ſie bei dem geringſten Anlaß verlaſſen u. ſ. w.

Die Chemiker, denen vor der ungeheuren Fülle von chemiſchen Erſcheinungen nach Redtenbacher der Kopf ſchwindelt, haben allein an der Bewältigung dieſer Thatſachen und der Auffindung neuer, die ihnen bei jedem Schritt aufſtoßen und die den Fortſchritt der Cultur nicht wenig befördern, eine das Leben ſo erfüllende Aufgabe, daß ſie an die Erklärung der Erſcheinungen keine Zeit verſchwenden können; Anderen aber ſteht nicht das volle Thatſachenmaterial zur Verfügung, ſie können daher auch eine Erklärung nicht mit innerer Sicherheit wagen, um ſo weniger, da von den mancherlei aufgeſtellten Theorieen die meiſten grade durch neue Entdeckungen auf dem Gebiete der organiſchen Chemie umge⸗ ſtoßen wurden. Man erklärt deßwegen die chemiſchen Erſcheinungen immer noch durch die chemiſche Verwandtſchaft, legt aber damit den Atomen der Elemente ſowohl, als auch den Molekülen der Ver⸗ bindungen noch mehr als thieriſchen Inſtinct, eine Art Unterſcheidungſinn von größter Feinheit bei. Gewiß wird dieſe Anſchauung fallen; darauf deuten auch die manigfaltigen Forſchungserfolge, die man über den Zuſammenhang zwiſchen dem Atomgewicht und der ſpezifiſchen Wärme, zwiſchen chemiſcher Zuſammenſetzung, Siedepunkt und ſpezifiſchem Gewicht, kurz über den Zuſammenhang chemiſcher und phyſikaliſcher Eigenſchaften errungen hat. 1) Gewiß wird einſt die Chemie auch auf die 2 geſchilderten Grundkräfte(Molekularkräfte) aufgebaut werden, allerdings mit Hilfe des Einfluſſes der Wärme und Electricität; denn durch dieſe beiden werden die chemiſchen Verwandtſchaften jeden Augenblick umge⸗ ſtaltet. Es wird ſich dann zeigen, daß die chemiſche Verſchiedenheit nur liegt in der Verſchiedenheit der Geſtalt, des Gewichts und der Groͤße der Atome. Vielleicht iſt die Subſtitutionstheorie der erſte Schritt zu dieſer Erkenntniß. Dieſe nimmt nämlich an, auch bei den Elementen lägen in einer Aetherhülle mehrere ganz gleiche Atome und die chemiſchen Vorgänge beſtänden nur in einer Erſetzung eines Atoms der Dynamide durch ein anderes ungleiches oder durch eine Atomgruppe und umgekehrt. Ja man neigt ſogar zu der Anſicht, der Unterſchied der 64 Elemente ſei gar kein Stoffunterſchied, ſondern alle

¹) H. Kopp, theoretiſche Chemie, Braunſchweig, 1863.