Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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Vergleich dafür haben; ein ſehr feiner Stoff aber kann auf einen lockeren Körper von bedeutender Größe bald einen merklichen Widerſtand ausüben, während ein kleiner Körper von großer Maſſe dagegen erſt nach ſehr langer Zeit eine kleine Einbuße an ſeiner Schwungkraft erleiden wird, ähnlich wie eine lockere Feder in der Luft faſt hängen bleibt, indeß eine Bleikugel mit faſt ungeſchwächter Schnelligkeit durch dieſelbe herniederſtürzt. So müſſen denn auch die lockeren, feinen und großen Kometen von dem Wider⸗ ſtand des Aethers ganz anders berührt werden, als die kleinen, dichten Planetenkugeln.

Man kann auch eine Art indirekten Beweiſes für das Daſein des weltraumerfüllenden Aethers darin finden, daß alle Lichterſcheinungen ſich auf höchſt einfache Weiſe durch die Annahme erklären laſſen, das Licht beſtehe aus hin⸗ und hergehenden Bewegungen oder Schwingungen der Aetheratome, und zwar aus ſolchen, deren Richtungen auf dem Lichtſtrahl ſenkrecht ſtehen.

Faſſen wir dieſe Schilderungen zuſammen, ſo ergeben ſich folgende von den meiſten Naturforſchern angenommene Hauptſätze über das Weſen des Stoffes:

1) Der Stoff beſteht aus Körperatomen und Aetheratomen.

2) Die Körperatome wirken nach allen Richtungen anziehend und zwar im um⸗

gekehrten Verhältniß der Quadrate der Entfernungen.

3) Die Aetheratome wirken nach allen Richtungen abſtoßend und zwar im um⸗

gekehrten Verhältniß der Entfernungen.

4) Der Weltraum iſt mit Aether von geringer Dichte ausgefüllt.

In neueſter Zeit iſt durch Wiener in ſeinem intereſſanten Werke die Anſicht ausgeſprochen worden: Körperatome und Aetheratome ſtoßen einander ab, während die erſteren einander anziehen und die letzteren einander abſtoßen. 1) Man kommt aber hierbei zu der Folgerung, daß die Erſcheinung eines Körperatoms bei einem andern in dieſem die Anziehung erwecke, dagegen die Erſcheinung eines Aetheratoms in demſelben Körperatom Abſtoßung erzeugen könne, daß alſo die Atome die Kräfte erſt in einander zur Entſtehung bringen. Demnach wären dieſe Kräfte in den iſolirten Atomen nicht vorhanden, die Atome hätten aber ſelber die Fähigkeit, in andern Atomen Kräfte aus Nichts hervorzurufen. Es wird dadurch die Grundeigenſchaft der Atome ſo räthſelhaft, daß auch alle daraus gewonnenen Folgerungen dunkel bleiben müſſen. Wir können daher dieſer neuen Anſchauung nicht beitreten.

§. 7. Die innere Bildung des Stoffes, wie ſie oben vorgetragen wurde, iſt nun eigentlich nur den 64 Elementen eigen d. h. den Stoffen, die man bis heute nicht zerlegen konnte und aus denen alle anderen Stoffe zuſammengeſetzt ſind. Nur bei ihnen liegt in jeder Aetherhülle ein Atom und zwar bei einem ungemengten Körper in allen Aetherhüllen ganz gleiche Atome. Bei gemengten Körpern dagegen liegt in der einen Aetherhülle ein Atom des einen, und in der andern ein Atom des andern Elementes. Bei den zuſammengeſetzten Körpern aber, die weitaus die größte Maſſe der bekannten Erdrinde bilden, oder bei den chemiſchen Verbindungen liegen in einer Aetherhülle mehrere Atome verſchiedener Körper, z. B. beim Waſſer ein Atom Waſſerſtoff und ein Atom Sauerſtoff. In der unorganiſchen Welt ſind es nur wenige, in der organiſchen dagegen viele Atome der Elemente, die in einer Aetherhülle ein kleinſtes Theilchen des zuſammengeſetzten Körpers bilden, das dann auch wegen ſeiner Zerlegbarkeit nicht mehr auf den Namen Atom paßt und daher Molekül genannt wird. Dieſe Moleküle können natürlich die verſchiedenſten Geſtalten haben, je nach der Zahl, Geſtalt und Lagerung ihrer Atome, in der einen Richtung können mehr Atome in einer Linie liegen, als in der andern; daher können die Moleküle nach einer Richtung viel ſtärker anziehend wirken, als nach einer andern und dadurch in verſchiedenen Rich⸗ tungen die verſchiedenſte Dichtigkeit der Aetherhüllen herbeiführen; ſo kann und muß es Körper geben, bei denen der Aether in verſchiedenen Richtungen eine ungleich große Elaſtizität beſitzt. Weil bei un⸗

¹) Wiener, Grundzüge der Weltordnung, S. 40.