Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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vom Lichte gab: Das Licht iſt die mit ſich identiſche Selbſtiſchkeit der geſtalteten Körperlichkeit. ¹) Deß⸗ halb gewinnen nur ſolche Ableitungen Bürgerrecht in der Naturforſchung, die auf dem allerdings oft ſchwierig zu bebauenden, aber nie täuſchenden Felde der Mathematik gewonnen werden. Die Hypotheſe ſowohl, als auch die Bedingungen einer Erſcheinung müſſen mittelſt der Prinzipien der Mechanik in mathematiſche Form gegoſſen, durch Gleichungen ausgedrückt werden; dieſe werden ſodann mit einander verbunden, die ausgeſuchten Operationen der höheren Mathematik darauf angewandt und ſo ein Größen⸗ reſultat gewonnen, das die verlangte Erklärung enthält oft zur freudigſten Ueberraſchung des Leſers. Solche Methoden wurden z. B. von Cauchy angewendet zur Erklärung der Lichterſcheinungen. ²) Eine zweite Methode, einfacher und oft eben ſo ſcharf, iſt die geometriſche: man ſucht mit Hilfe der analy⸗ tiſchen Geometrie die Bedingungen einer Erſcheinung in eine räumliche Form zu bringen, ſo erhält man umgekehrt aus den Eigenſchaften dieſes räumlichen Gebildes oft überraſchende Aufſchlüſſe über die frag⸗ liche Erſcheinung. Sind auch dieſe Methoden allein die unwiderſprechlich wiſſenſchaftlichen, ſo entbehren ſie dagegen des allgemeinen Verſtändniſſes, das man ja gerade in unſerer Zeit für die Naturwiſſenſchaft anſtrebt. Es muß daher doch wieder zur verworfenen Art der Erklärung mit Worten geſchritten werden, ohne jedoch je den Boden mathematiſcher Schlußfolgerung mit ſteter Begleitung des Experimentes zu verlaſſen. Dies geſchieht in allen allgemein verſtändlich gehaltenen Lehrbüchern der Phyſik für den me⸗ chaniſchen Theil, den Schall und das Licht. Für die Wärme, die Electricität und den Magnetismus aber gibt es zwar Hypotheſen in Fülle, allein keine hat allgemeine Anerkennung gefunden, weil noch aus keiner auf mathematiſchem Wege die Erſcheinungen erklärt werden konnten. Nur die Lehre von der Wärme hat im letzten Jahrzehnt ſo feine Bearbeitungen gefunden, daß die allgemeine Aufmerkſamkeit der Naturforſcher auf dieſelbe gelenkt wurde; eine der Anſchauungen über das Weſen der Wärme, die mechaniſche Wärmetheorie, hat ſelbſt ſchon Verwendung auf die Lehre von den Dampfmaſchinen, calor⸗ iſchen und Gas⸗Maſchinen erhalten. Aus dieſen Gründen erſcheint es wohl gerechtfertigt, die wichtigſten Hypotheſen über die Natur der Wärme und ihre Erklärungsweiſen der Wärmeerſcheinungen allgemein faßlich darzuſtellen und zu beurtheilen.

1. Die innere Bildung des Stoffes.

§. 2. Wärme iſt für uns nur an und mit dem Stoff wahrnehmbar, womit aber nicht behauptet ſein ſoll, daß im ſogenannten leeren Raume keine Wärme ſei. Auch knüpfen ſich alle Anſichten über die Natur der Wärme an diejenigen über das innere Weſen des Stoffes an; daher iſt es nöthig, die heutige Anſchauung der Naturforſcher über das, was der Stoff eigentlich ſei, auseinander zu ſetzen. Ich ſage ausdrücklich der Naturforſcher, weil die ſpeculativen Philoſophen mit den erſteren in dieſer Beziehung durchaus nicht übereinſtimmen und meiſt die gerade entgegengeſetzte Anſchauung vertheidigen, ja ſogar die Anſicht der Phyſiker als eineungereimte Fiction verſpotten. ³)

Die Atomenlehre, wie wohl dieſe Anſchauung genannt werden kann, iſt zwar ſchon ſehr alt, in ihrer jetzigen Umformung und Ausbildung aber zuerſt von Dalton) ausgeſprochen worden. Nach ihm iſt der Stoff nicht bis ins Unendliche theilbar, ſondern die Theilbarkeit deſſelben hört, wenn man zu gewiſſen außerordentlich kleinen Theilchen gelangt iſt, endlich auf, ſo daß dieſe auch durch die feinſten und kräftigſten Inſtrumente nicht in kleinere Stücke zerlegt werden könnten. Allerdings iſt für unſere menſchlichen Verrichtungen und Werkzeuge die Theilbarkeit ſchon viel früher zu Ende, als die untheil⸗ baren Theilchen erreicht ſind; wir würden aber die außerordentlich kleinen Körperchen, die durch Pul⸗

¹) Hegel's Naturphiloſophie, S. 277. ²) Cauchy, mémoire sur la dispersion de la lumière.) H. J. Fichte, die neuere Atomlehre. Zeitſchrift für Philoſophie und philoſophiſche Kritik, Bd. 24. S. 21.) Dalton, a new system of chemical philosophy, Manchester 1808.