Aufsatz 
Das Wesen der Wärme : Versuch einer neuen Stoffanschauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorien in allgemeinfaßlicher Darstellung / von Paul Reis
Entstehung
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Das Weſen der Wärme.

Verſuch einer neuen Stoffanſchauung der Wärme mit vergleichender Betrachtung der übrigen jetzt gebräuchlichen Wärmetheorieen in allgemein faßlicher Darſtellung.

Von

Dr. Paul Reis.

Einleitung.

§. 1. Die Phyſik ſteht großentheils noch auf dem Boden der Induction, d. h. ſie ſucht die Ge⸗ ſetze der Erſcheinungen rückwärts aus den Erſcheinungen ſelbſt zu erſchließen. In einzelnen Zweigen derſelben iſt dagegen mit Glück der Weg der Deduction d. h. der Ableitung der Geſetze und Erſchein⸗ ungen aus einem oder wenigen Grundbegriffen eingeſchlagen worden. So werden die reichen Reſultate der Mechanik, die ſeitdem zu einer eigenen mächtigen Wiſſenſchaft herangereift iſt, gewonnen aus den Grundeigenſchaften des Stoffes: der Trägheit desſelben und der daraus entſprießenden Unabhängigkeit der Kräftewirkungen. So hat man für den Schall die Grundannahme aufgeſtellt, daß er aus den Schwingungen der Theilchen wägbarer Köͤrper beſtehe. Aus dieſer Annahme laſſen ſich weitaus die meiſten Schallerſcheinungen auf einfache Weiſe erklären, wodurch die Hypotheſe einen hohen Grad von Wahrſcheinlichkeit, der an Gewißheit ſtreift, gewinnt. Sind auch manche Erſcheinungen, wie die Erregung der Schallempfindung in der Seele, das Geheimniß der Melodie u. ſ. w. noch unerklärt, ſo kommt dies theils von ihrer irrationalen Natur, theils iſt man ihnen, wie z. B. der Verſchiedenheit des Klangs, der Zerlegung einer Tonmaſſe durch das Ohr in der neueſten Zeit auf die Spur gekommen ¹). Auch die Lehre vom Lichte iſt in unſerem Jahrhundert durch geiſtvolle Arbeiten auf die Stufe der Deduction gehoben worden. Aus der Hypotheſe, daß das Licht aus Schwingungen der Theilchen eines unwägbaren Korpers beſtehe, was übrigens auch ſeitdem indirekt bewieſen worden iſt,²) hat man alle bekannten, ja ſogar noch unbekannte und ſpäter beſtätigte Lichterſcheinungen abgeleitet und dadurch nicht allein die Optik zu einer vollendeten Wiſſenſchaft gemacht, ſondern auch jene Hypotheſe zu einem ſo hohen Grad von Wahrſcheinlichkeit erhoben, daß kein Phyſiker mehr an der Gewißheit zweifelt.

Die Art nun, wie aus einer phyſikaliſchen Grundannahme die Erklärung der betreffenden Er⸗ ſcheinungen abgeleitet wird, iſt nicht willkürlich; denn mit Wortkünſten läßt ſich Alles beweiſen und erklären und laſſen ſich die unerklärlichſten Erklärungen ableiten, wie es leider von den großen Natur⸗ philoſophen unſeres Jahrhunderts und unſerer Nation geſchah, von denen einer z. B. folgende Erklärung

¹) Helmholtz, die Lehre von den Tonempfindungen. ²) Lamé, l'lasticité des corps solides. 1852. 1