10
wir wünschen von Herzen, daß der Zwang aufhöre, der jetzt noch durch die Berechtigungen auf die Erlernung dieser Sprache ausgeübt wird. Wir halten dafür, es sei heilsamer und der deutschen Bildung zuträglicher, wenn eine geringere Zahl in Freiheit, durch eigenen Trieb oder die Wahl der Eltern bestimmt, sich dem edlen Studium dieser Sprache widmet, als daß große Scharen ohne inneren Beruf, nur der Not gehorchend sich ihre Elemente aneignen. Wir trauen dem Genius unseres Volkes wie dem des griechischen, daß nie die Gefolgschaft treuer Jünger verschwindet, die sich in die Schönheit und den Gedankenreichtum griechischer Geisteswerke vertiefen wollen, und wir glauben zuversichtlich, daß, wenn jene Freiheit einmal proklamiert wird, es diesen Räumen so wenig an Schülern fehlen wird, wie jetzt.
Doch diese Dinge liegen noch in der Zukunft. Für uns ist das Ziel vorgezeichnet, nicht nur durch eigene Wahl, sondern auch durch die Bestimmungen, die uns gegeben sind. Unser Versuch steht noch im Anfang, und wir sind mit Recht heute daran gemahnt worden, daß über den Erfolg erst die Zukunft entscheiden wird. Harter Arbeit wird es bedürfen, die ja in unserem Berufe nie fehlt. Per aspera führt der Weg, wie die Inschrift auf unserem Hause sagt; möge das Ziel: ad astra, uns nie aus den Augen verloren gehen. Nicht im hoch- mütigen Sinne ist dies gemeint. Die Sterne seien uns ein Bild, ein Zeichen des ewigen göttlichen Geistes, dem unser Thun zugewendet sein soll. Sein Licht möge uns leuchten und unser Werk leiten.
Der Friede, der vom Himmel ist, walte über uns: brüderliche Eintracht zwischen uns den Lehrenden, kindliches Vertrauen der Schüler zu ihren Lehrern, väterliche Liebe der Lehrer zu den Schülern. Segen und Friede sei mit diesem Hause und mit dieser Schulgemeinde!“
Mit dem Gesang des Chores„Feierklänge, Festgesänge“ von Gluck schloß die Feier. Von den Gästen wurden die Räume des Schulhauses in Gruppen unter Führung des Herrn Bauinspektors Frobenius, des Herrn Architekten Blattner und des Direktors besichtigt.
Am Abend des Einweihungstages fand in der Aula eine Fest-Aufführung des Aga- memnon des Aschylus in der Übersetzung von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf mit den Chören von Romberg(Direktor Dr. Ferd. Schultz in Charlottenburg) durch Schüler des Goethe- und Lessing-Gymnasiums statt. Unter den Gästen durften wir Ihre Königliche Hoheit die Frau Landgräfin von Hessen, Prinzessin Anna von Preußen, Ihre Hoheit die Prinzessin Sibylle von Hessen, Seine Exzellen« Herrn Oberpräsidenten Magdeburg, Herrn Oberbürgermeister Adickes und Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden begrüßen.
Das Stück machte auf alle Anwesenden einen mächtigen, ergreifenden, erschütternden Eindruck, und der alte Dichter feierte eine Auferstehung, wie sie schöner auch seine Freunde und innigen Verehrer nicht erwartet und erhofft hatten. Zu diesem Erfolg trug die meister- hafte, das tiefste Wesen des Dichters nachempfindende und wiederspiegelnde Übersetzung wesentlich bei; Wilamowitz hat uns den Dichter neu geschenkt, wie denn überhaupt seine Übersetzungen zu dem Vollendetsten gehören, was die nachschaffende Poesie je geleistet hat. Nicht minder sind wir dem Komponisten dankbar, dessen Musik die Stimmung trug und hob, die über der feierlichen Stunde lag. Daß aber unsere Schüler dem Werke gewachsen waren und, sich selbst übertreffend, den höchsten Anforderungen genügten, daß auf dem engen Raum unserer Bühne sich das mächtige Werk ohne Anstoß abspielen konnte, das ist das Verdienst des Mitgliedes unseres Stadttheaters und Lehrers am Hoch'schen Konservatorium


