Aufsatz 
Die Eröffnung des Goethe-Gymnasiums
Entstehung
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Anstalt, das Goethe-Gymnasium, weniger humanistisch sei, als die übrigen Gymnasien. Aller- dings, wir haben den Versuch gemacht, einen anderen Weg zum Ziele einzuschlagen, als er gewöhnlich genommen wird. Wir suchen unsere Schüler erst in der Muttersprache und in einer uns näherstehenden modernen Sprache eine eingehende sprachliche Ausbildung zu geben, ehe wir zu den alten Sprachen übergehen, und dadurch gleicht sich unser Gymnasium in den unteren Klassen den lateinlosen Schulen an. Aber darum ist es nicht weniger humanistisch als die anderen Gymnasien. Unser Ziel ist dasselbe, und wir hoffen, ja wir glauben die ge- gründete Zuversicht haben zu dürfen, daß wir es erreichen; die schönste Erfüllung unserer Wünsche wäre, wenn dieser Versuch dazu führte, dem Unterricht in den alten Sprachen nicht nur, sondern dem ganzen Organismus des Gymnasiums neue Lebenskräfte zuzuführen. Zu solchen Hoffnungen berechtigt uns die freudige Teilnahme unserer Schüler, das eifrige und erfolgreiche Streben, das sie bisher auf dem neuen Weg bewährt haben. Aber in dieser ernsten und feierlichen Stunde dürfen wir auch mit dem Bekenntnis nicht zurückhalten, und ich weiß, daß ich hier die Gesinnung aller meiner Kollegen, der Mitarbeiter an diesem Werke, ausspreche: Sollten wir uns in unseren Erwartungen getäuscht sehen, sollte die Erfahrung uns eines anderen belehren, so ist unsere Ansicht, daß nicht das Ziel, sondern der Weg zu ändern wäre. Wir würden auch den Mut finden, zurückzuweichen, wenngleich wir seiner nicht zu bedürfen hoffen.

Weshalb legen wir denn solchen Wert auf die Pflege der alten Sprachen? Mit Rom verknüpft uns das starke Band der geschichtlichen Überlieferung. Auf seiner Kultur ruht die unsere, auf dem festen Gefüge seiner Sprache sind die modernen Sprachen, auch die deutsche, aufgebaut. Wir würden den geschichtlichen Zusammenhang zerreissen und geschichtlos werden, wenn wir die Beschäftigung mit Rom und seiner Sprache aufgeben wollten. Zu den Griechen aber zieht uns ein anderes.

Den stärksten Einfluß auf unser Leben üben gewaltige Persönlichkeiten, geniale Naturen, die vorbildlich wirken und bahnbrechend sind, deren Erscheinung wie ein Lichtstrahl

weite Gebiete des menschlichen Wesens erhellt, deren Dasein uns wie eine Offenbarung neuen, Lebens anmutet. Nur soweit wir uns in sie vertiefen, ihnen nachzuempfinden und nachzu- leben suchen, nehmen wir am geistigen Leben teil. Wie von einzelnen Persönlichkeiten Ströme neuen Lebens ausgehen, so giebt es auch geniale Völkernaturen, deren Dasein und Wirken das Geistesleben der nachfolgenden Geschlechter bestimmt. So wenden wir stets noch unsere Blicke zu den Propheten des alten Bundes zurück, von denen die Gotteserkenntnis ausgegangen ist. Von der Geschichte des Volkes Israel, von dem uns die Religion und das Licht gekommen ist, das die Jahrhunderte erhellt, können wir uns nicht losreißen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. So waren die Griechen des Altertums auf anderem Gebiete ein Volk der Vorsehung: Was bis auf unsere Tage an Kunst und Wissenschaft blüht und gedeiht, geht mit seinen Wurzeln auf sie zurück. Die unvergleichlichen Werke ihrer Kunst und Litteratur sind nicht nur Muster und Vorbilder gewesen, sie haben die nachfolgenden Geschlechter immer wieder im Innersten ergriffen und zu eigener nachschaffender Begeisterung erweckt, unser deutsches Volk nicht am wenigsten: die Sonne Homers leuchtet auch uns. Sollten wir da unsere Jugend nicht zu den Quellen leiten, die heute reiner und unverfälschter rinnen, denn je? Zwar sei es ferne von uns zu behaupten, nur der habe wahre Bildung, der Griechisch gelernt habe; die Beweise des Gegenteils sind zu zahlreich und schlagend. Ja