8
nach allem Schönen und Hohen, die Liebe zu Kunst und Wissenschaft und zu aller edlen Bethätigung hervorwachsen aus dem inneren Bedürfnis der Seele und überall ruhen auf dem festen Grunde eindringenden Verständnisses. Dies Wechselverhältnis drücken zwei andere Worte Goethes aus, die sich hier gegenüberstehen:„Lust und Liebe sind die Fittiche zu grossen Thaten“ und„Was man nicht versteht, besitzt man nicht“. Wo nicht die Begeisterung für hohe Ziele die Seele beschwingt, da kriecht sie mühsam einher und erstickt im Staube der Alltäglichkeit. Wo der tiefe Untergrund ernster Verstandesarbeit fehlt, da wird das Streben nach sogenannten Idealen, nach sogenannten hohen und erhabenen Gedanken hohles Gerede und eitles Wortgeklingel.
Nur die Arbeit im Kleinen verleiht die Tüchtigkeit, die zum Großen führt; wer sie verschmäht, sinkt, ehe er sichs versieht, zum Erbärmlichen herab. Doch wer sich redlich bemüht und die schellenlaute Thorheit meidet, kann sicher sein des Lohnes, der in der einen oder anderen Art, früher oder später ihm zu teil wird. So lehrt uns ein letztes Spruchpaar, das von diesen Wänden zu uns redet:„Wer geringe Ding' wenig acht't, sich um geringere Mühe macht“ und„Nach dem einer ringt, also ihm gelingt“.
Und was soll nun in dieser Schule der Gegenstand ernster Arbeit und fröhlichen Strebens und Ringens sein? Der alte Wahrspruch unseres Gymnasiums, der an der Stirn- seite unseres Hauses prangt, kann uns einen Fingerzeig geben: Non scholae sed vitae dis- cimus. Für das Leben soll die Schule bilden, tüchtige Männer soll sie heranzuziehen helfen. Dazu gehört zunächst, daß die Schüler nicht Fremdlinge werden in dem Leben, das sie um- giebt, daß sie die Natur und ihre Vorgänge sehen und beobachten, begreifen und lieben lernen. Wir danken es den Vätern unserer Stadt, daß sie diese Schule so reich mit den Mitteln zur Anschauung und Beobachtung ausgestattet haben, die den Unterricht in den Dingen der Natur allein wirksam machen. Für uns ist dies um so dankenswerter, ja notwendiger, als die Zeit, die hier solchem Unterricht gewidmet wird, verhältnismäßig nur gering sein kann. Denn das Leben, für das unsere Schule vor allem vorbereiten soll, ist das des mensch- lichen Geistes. Darum suchen wir unsere Schüler in das reiche Geistesleben unseres Volkes und anderer Völker einzuführen und sie vertraut zu machen mit dem, was die Helden des Menschengeschlechtes erfahren und gedacht, gethan und gelitten haben. Vor allem beschäftigen wir unsere Schüler mit dem, was der greifbarste und zugleich feinste Ausdruck des mensch- lichen Geistes ist, mit den Sprachen. Hier offenbart sich die Fülle des inneren Lebens. Die Kunstwerke der Litteratur, die von den hervorragendsten Dichtern und Denkern geschaffen sind, werden der Gegenstand eindringenden Verstehens und nacheifernder Bethätigung. Auch die Sprache an sich, das Werk unbewußten Schaffens von Generationen, ist ein Kunstgebilde, ja wohl eins der erhabensten, die die Natur des Menschen hervorgebracht hat; ihren inneren Bau zu durchschauen, über ihre Hülfsmittel aufgeklärt zu werden und sich in ihren Besitz zu setzen, giebt dem schon gereifteren Verstande eine Förderung ohne gleichen.
Man nennt solche Richtung in der Erziehung die humanistische, weil sie das rein Menschliche vornehmlich verfolgt. Unter humanistischer Bildung versteht man aber ganz be- sonders die, die sich auf die Kenntnis der Sprachen des Altertums, des Griechischen und Lateinischen gründet, denn diese Sprachen und die Werke, die in ihnen geschaffen sind, haben einen besonderen, vorbildlichen Wert für die Erziehung des heranwachsenden Geschlechts. Es ist nun die Ansicht hier in dieser Stadt sowohl wie auch anderwärts verbreitet, als ob unsere


