Aufsatz 
Die Eröffnung des Goethe-Gymnasiums
Entstehung
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Bekannte und Freunde. Khnlich geht es auch uns heute. Nicht nur die Lehrer und Schüler der Anstalt sind hoch erfreut über ihr neues prächtiges Heim, sondern eine große Zahl von Freunden teilt ihre Freude, und zu unserer ganz besonderen Genugthuung dürfen wir Seine Exzellenz den Herrn Oberpräsidenten und den Provinzial-Schulrat Herrn Geheimrat Lah- meyer unter uns begrüßen. Auch für das Kuratorium und die städtischen Behörden gilt dieser Tag als ein Festtag, denn sie blicken heute auf den Abschluß langjähriger Mühe- waltung zurück. Zunächst war die Trennung des städtischen Gymnasiums in zwei Anstalten zu erledigen, und dann forderte die Wahl des Bauplatzes eingehende Erwägungen. Anfänglich schien der jetzt gewählte ungeeignet, man hielt ihn für zu weit entlegen vom Mittelpunkte der Stadt. Doch ist dies Bedenken geschwunden vor den großen Vorteilen, die er bot. Die Anstalt liegt hier frei und offen, in gesundester Luft, in schönster Lage; die blauen Berge des Taunus schauen freundlich zu ihr herüber und scheinen zu winken und einzuladen zu frischer Bethätigung, zu frohem Wandern in Gottes Natur. Die Straße, an der sie liegt, verspricht eine der schönsten der Stadt zu werden und eine der regsten Verbindungslinien im städtischen Verkehr. Die Einteilung des Bauplatzes wurde so gestaltet, dass die eigent- lichen Schulräume nach dem Schulhofe zu gelegt werden mußten; so entstand ein doppelter Vorteil: die Lehrzimmer sind der Einwirkung des lärmenden Straßenverkehrs entzogen, und es wurde Gelegenheit zur Entwicklung einer prächtigen Facade gewonnen. Durch ein Preis- ausschreiben wurde die Auswahl aus einer großen Zahl von bedeutenden Entwürfen ermög- licht. Herr Bauinspektor Frobenius ist als Sieger aus dieser Konkurrenz hervorgegangen. Ihm gelten unsere Glückwünsche und unser Dank; wir danken zugleich auch allen denen, die ihm hilfreich zur Seite gestanden haben.

Unser Zeitalter wird mit Recht ein kritisches genannt. Alle Grundlagen des Lebens werden täglich auf ihre Berechtigung geprüft, und was davon seine Berechtigung nicht beweisen kann, muß verschwinden. Auch die ehrwürdige Institution des humanistischen Gymnasiums muß sich dieser Forderung beugen. Es muß zeigen, daß es trotz allen Anfeindungen und modernen Einwänden lebenskräftig ist und zu gedeihen vermag. Ein Haupteinwand und ein, wie uns scheint, berechtigtes Bedenken ist, daß es mit seinen Ein- richtungen sich nicht einfügt in das gesamte Schulwesen, wie es sich auf Grund der modernen Lebensbedürfnisse neben ihm entwickelt hat. Nun, wir freuen uns, daß in dieser Anstalt ein neuer Weg beschritten worden ist zu einem Versuche, der diese Bedenken verschwinden lassen soll, ohne daß etwas von den idealen Gütern verloren geht, und wir hegen das vollste Vertrauen, daß dieser Versuch gelingen wird. Damit verbinden wir die Bitte an den verehrten Herrn Oberpräsidenten, diesem Versuche auch fernerhin ein geneigtes Wohlwollen entgegenzubringen, damit unser Ziel erreicht werde.

Sicherlich ist die Stellung der Schule eine schwierige gegenüber den mannigfachen An- forderungen und Anfeindungen des modernen Lebens. Es ist eine schwere Aufgabe, die jungen Gemüter in einer Zeit wie der unserigen zu sammeln im Blick auf ein Ziel: Menschen. zu bilden und Deutsche zu bilden! In Folge der politischen Verhältnisse gibt es bei uns mehr als sonstwo jene problematischen Naturen, die, stark in Kritik und eifrig im Bemängeln, keiner Lage gewachsen sind und sich keiner Lage zu adaptieren vermögen. Die Bildung jener problematischen Naturen zu verhindern, ist die Hauptaufgabe der Schule. Wir sind zwar weit davon entfernt, hier an eine Allheilkraft der Schule zu glauben, glücklicherweise