22 nicht mehr als eine Stunde täglich angesetzt wissen will. Auch hierin folgt Hirtzwig. Er empfiehlt die Kürze der Aufgaben, sie sollen dafür um so gründlicher gelernt werden. Besonders mässigt er die Anforderungen im Vokabellernen. Eine vernünftige Auswahl soll getroffen, nicht alle Wörter des Vokabulars sollen eingepaukt werden.
Sein Versprechen, für die beiden Jahrgänge der untersten Stufe ein besseres Wörter- buch auszuarbeiten, hat Hirtzwig gehalten. Das Büchlein ¹) zerfällt in drei Abteilungen: Substantiva, Adjectiva und Verba. Die Ordnung ist alphabetisch:; auf jeckes lateinische Verzeichnis folgt ein deutsches mit Verweisung auf das erstere. Dies hat den„zwyfachen Nutzen, erstlich, dass der Knab das lateinische Wort, wann ers nie gehört, nachschlagen; zum andern, wann ers gehört, so viel eher, wegen des ersten Buchstabens, sich erinnern könne.“ Die Wörter sind nicht etwa Schulschriftstellern entnommen, sondern sie beziehen sich sämtlich auf den Gebrauch des gewöhnlichen Lebens, bis zu hae scopae der Besem und haec hara der Säwstall. Es sind zusammen 2270 Vokabeln, die in den beiden ersten Schul- jahren, wie die Vorrede vorschreibt, einzuprägen und an denen buchstabieren, lesen und schreiben, Orthographie und Prosodie, Deklinationen und Konjugationen zu üben sind. Der Lehrer musste vorher genau ausrechnen, wie viele Vokabeln er täglich aufzugeben habe, um sein Pensum zu absolvieren: es kamen auf den Tag etwa 4—5 Wörter. Die durch sie bezeichneten Dinge sollten vorher eingehend erklärt und womöglich vorgezeigt werden. ²) Aus den bereits gelernten und fortwährend repetierten Vokabeln wurden dann auch die Argumenta und Exercitia zusammengestellt. Ein Lesebuch bekamen die Schüler in den ersten Jahren überhaupt nicht in die Hand. Die Einführung jener kleinen Sätzchen, in denen die Worte erst in einem Zusammenhang vorgeführt und zum Verständnis gebracht werden, ehe man sie lernen lässt, verdanken wir der Neuerung des Amos Comenius in seiner Janua linguarum reserata aurea, 1631.
In der Verwendung des Vokabulars war also Hirtzwig ganz bei der alten Methode verblieben, während Ratichius den Schüler, wenn er an der Muttersprache lesen und schreiben gelernt hatte, sofort zum Autor führen wollte. Dieser Anregung folgt Hirtzwig wenigstens für die Syntax, denn er spricht es klar genug aus, dass er diese in Verbindung mit dem Autor, also nicht durch Auswendiglernen grammatischer Kompendien, geübt wissen will. Das war für damals ein grosser Fortschritt, sind wir doch selbst heutigen Tages mit der vollen Durchführung dieses Grundsatzes noch nicht überall durchgedrungen. Von den beiden Schriftstellern, die er für Quarta und Tertia nennt, ist der Cato eine Sammlung von Distichen, die aus je zwei Hexametern bestehen und allgemeine Lebensweisheit enthalten. Dies im vierten, vielleicht auch erst im siebenten Jahrhundert entstandene und fälschlich
¹) Der volle Titel des Buches, das im Besitz der Stadtbibliothek ist und dessen Nachweisung ich der Güte des Herrn Dr. Kelchner verdanke, lautet: Substantiva Prima in usum Gymnasii ad Moenum Franco- furtensis, opera M. Henr. Hirtzwigii, olim Rectoris. Sampt einer Teutschen Vorrede von nutzlichem Gebrauch dieses Büchleins. Francof. Typ. Haer. Hummii 1663. 2. Teil: Adjectiva prima. 3. Teil: Verba prima.
²) A. a. 0. Vorrede S. 6. Lateinische Notiz für den Lehrer: Magister libellum hunc praeclare traditurus primo res vocabulis significatas, si in promptu et non turpes sint, monstrabit, aut verbis ita depinget, ut videri videantur.


