Aufsatz 
M. Henrici Hirtzwigii Rectoris de Gymnasii Moena-Francofurtani ratione et statu ad Balthasarem Mentzerum epistola : mit Einleitung und Übersetzung / von Karl Reinhardt
Entstehung
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die Gesamtstundenzahl nicht mehr als dreissig. In den meisten Klassen wurden von diesen 30 Stunden 4 dem Gesang gewidmet), so dass nur 26 wissenschaftliche Lehrstunden übrig bleiben. Für die Lehrer ist dies ja auch nach unseren Begriffen eine übertrieben hohe Zahl, die Schüler aber sind heut zu Tage viel schärfer belastet. Schon unsere Sextaner haben einschliesslich des Singens und ohne das Turnen 30 Lehrstunden in der Woche. Von Quinta ab steigt diese Zahl auf 32, mit dem Turnen auf 34. Ein Primaner und Sekundaner von heute, der den fakmultativen Unterricht im Englischen oder Hebräischen und im Zeichnen mitnimmt, hat ohne das Turnen 36. mit demselben 38 Lehrstunden. Es fehlten freilich damals die Erholungspausen zwischen den einzelnen Stunden, auch waren die Ferien nicht so ausgedehnt wie jetzt, und der Kirchenbesuch am Sonntag war samt der darauf folgenden Katechisierung obligatorisch. Auf der anderen Seite wurde bei be- sonderen Festen, Fastnacht und dergleichen, leichter ausgesetzt und überhaupt der Schul- besuch, wie wir oben gesehen hahen, nicht so streng genommen. Viel Zeit ging auf die regelmässigen Andachten; Donnerstags vormittags war Predigt, wodurch 1 ½ Stunden vom eigentlichen Untericht ausfielen.

Wenn nun Mentzer und Hirtzwig übereinstimmend 30 Lehrstunden in der Woche, einschliesslich des Singens und der Andachten, für eine zu starke Belastung der jugend- lichen Arbeitskraft halten, so ist hier ganz deutlich der Einfluss des Ratichius zu erkennen. In dem von Rhenius veröffentlichten Entwurfe seiner Didaktik heisst es: Täglich 24 Stunden Unterricht, aber nicht unmittelbar hinter einander.²) Bei der Einrichtung der Schule in Köthen wurden täglich 4 Unterrichtsstunden, abgesehen vom Singen, angesetzt, und zwar von 7 bis 8, 9 bis 10, 3 bis 4 und 5 bis 6 Uhr. ¹) Genau dem entsprechend er- klärt Mentzer 4 Stunden täglichen wissenschaftlichen Unterrichts für die angemessene Zeit. Hirtzwig stimmt ihm in der Theorie bei, wagt aber einstweilen noch nicht so weit zu gehen aus Scheu vor Missdeutungen des Publikums.

Mit solcher Herabsetzung der Stundenzahl schlugen diese Männer nichts Neues vor. Der wackere Micyllus, jener bedeutende Humanist und eigentliche Begründer unseres Gym- nasiums, sagt im Entwurfe zur Ordnung der Frankfurter Schule(1537), er halte es für unrichtig, mit mehr als 4 Lehrstunden täglich die einzelnen Klassen zu belasten, denn vor allem müsse man von Lehrern und Schülern die Unlust und den Uberdruss fern halten. die Frische des Geistes sei für den Unterricht die Hauptsache.¹) Deshalb wollte auch er, ähnlich wie Ratichius, dass nach längstens 2 Stunden Unterrichts eine Erholungsstunde

¹) Nach der Schulordnung von 1575 war die mittlere Nachmittagsstunde Singen; später wurde es die erste. S. Schulakten III, Fol. 126. Der hier gegebene Typus lectionum bezieht sich auf das Frankfurter Gymnasium, Schulordnung von 1654.

²) Vogt I, S. 37.

³) Vogt II, S. 26 ff.

*) Classen, Jac. Micyllus, S. 169: Pluribus quam in diem quaternis lectionibus classes singulas gravari haud quaquam velim.... Debet autem inprimis omnis molestia ac taedium ab utrisque(pueris et docentibus) abesse, quod ut in ceteris rebus bene ac recte gerendis, ita hic vel praecipue alacritate opus est animique subinde vacui ac novi ad novas lectiones cum peragendas tum audiendas afferri debent.

Fast genau dieselbe Ansicht. spricht Johannes Sturm in der Institutio cap. XIX aus. Vormbaum I, 664.