19 Nach dem was wir von den letzten Zeiten des Rektors Cravelius hören, muss besonders die Zucht unter den Chor- und Armenschülern sehr im argen gelegen haben. Diese aus ganz Deutschland zusammen geschneiten Gesellen, die zum Teil auf langen Wanderungen das ungebundene Leben fahrender Künstler kennen gelernt hatten, waren schwer zu bändigen. So nehmen denn auch jetzt vier von ihnen, denen unter dem neuen Rektor die Sache zu stramm wird, Reissaus, um als Quartett vor den Thüren und auf jahrmärkten singend ihren Unterhalt sich zu verdienen, bis sie anderweit wieder einmal Gelegenheit finden ihre„Studien“ fortzusetzen. Hirtzwig sieht ihnen gern auf den Rücken, fühlt sich aber doch offenbar sehr erleichtert dadurch, dass keine Bürgersöhne sich dem bösen Beispiel angeschlossen haben: das würde vermutlich unerfreuliche Folgen für ihn gehabt haben. Der Mann hatte übrigens ein Herz für seine Schüler, und wir können seiner Versicherung Glauben schenken, dass er freundliche Wünsche und väterliche Gesinnung für sie hegte. Es liegen Beweise vor, dass manche seiner Schüler ihm bis in ihr hohes Alter ihre Liebe und Anhänglichkeit bewahrten.
Die Massregeln, die Hirtzwig traf, um die sehr traurigen Ergebnisse des Unter- richts zu heben, waren recht einschneidend: ein Teil der Schüler wurde nach der ersten Prüfung, die er abhielt, zurückversetzt. Die hierdurch entstehende Verzögerung in der Ausbildung betrug nicht notwendiger Weise ein ganzes Jahr. Der Kursus in jeder der fünf Klassen, die damals das Gymnasium zählte, dauerte in der Regel zwei Jahre. In jedem Semester, Frühjahr und Herbst, fand eine Versetzung statt. Diejenigen, die das Pensum bewältigt hatten, also etwa ein Viertel der Klasse, rückten vor, woher der Name Progression bis zum heutigen Tage für die Versetzungsfeierlichkeit an unserer Anstalt üblich ist. Hochbegabten Schülern war es also möglich, in verhältnismässig kurzer Zeit die Anstalt zu durchlaufen. Hierauf beziehen sich die Worte Hirtzwigs, dass es auch für die Tüchtigen besser sei, nur langsam vorzurücken. Gewöhnlich währte der ganze Schulkursus, vom Be- ginn des Unterrichts bis zum Schluss, zehn Jahre, so dass die meisten mit etwa 16—17 Jahren die Universität bezogen, manche auch schon mit 14 und 15 Jahren. ¹)
Aber nicht nur durch jene Gewaltmaſsregel, sondern mehr noch durch methodische NMittel suchte Hirtzwig bessere Leistungen zu erzielen. Das erste, das er vorschlägt, ist eine Ver- kürzung der Unterrichtszeit. Lehrer und Schüler sollen von der allzugrossen Arbeits- last befreit werden, damit sie frischer und geschickter zur Arbeit sind und also in kürzerer Zeit mehr zu Wege bringen, als bisher in der längeren. Wenn er hier behauptet, dass bis dahin Lehrer und Schüler täglich sechs Stunden in der Schule zubringen mussten, so ist dies nicht ganz genau. Denn auch schon damals fiel am Mittwoch und Samstag Nach- mittag der Unterricht aus, wie die Schulordnung von 1607 beweist.“) Da von den sechs Stunden je drei auf den Vormittag und ebenso viele auf den Nachmittag fielen, so betrug
¹) Schulakten I, Fol. 94.
²) Schulakten III, Fol. 23: Senas singulis diebus horas, tres nimirum ante et post prandium, impendant (praeceptores) laboribus scholae, praeter dies Mercurii et Saturni, quorum tempus pomeridianum vacuum est a studüs. Genau derselbe Stundenplan in der Ordnung des kurf. brand. Gymnasiums zu Joachimsthal vom J. 1607. Vormbaum II, 75. Paulsen, Gesch. d. gel. Unterrichts S. 217.


