16 Platzen herumtreiben, sondern in ihr Arbeitszimmer verfügen. Auch hierin wiederholt Hirtzwig nur, was andere Schulordnungen aussprechen. Wenn man fragt, wohin die deutschen Knabenspiele gekommen sind, deren Mangel wir jetzt so schmerzlich empfinden, dass wir sie aus England importieren, hier ist die Antwort: sie sind unwürdig unserer Schule, indigni nostra disciplina. Darin spricht sich der ganze Gelehrtendünkel jener latei- nisch redenden Zeit aus.
Dass aber auch hier das Publikum nicht im Gegensatz zu den Verboten der Schule stand, sondern eine solche Beschränkung der jugendlichen Freiheit eher wünschte, scheint ein besonderer Vorfall zu beweisen. Ratichius hielt es für schädlich, länger als eine Stunde ohne Unterbrechung den jugendlichen Geist anzuspannen. Auf jede Lehrstunde liess er deshalb eine sogenannte Quickstunde(Erquickungsstunde) folgen, aus der in späterer Um- bildung unsere Erholungspausen entstanden sind. Als er nun bei seinem zweiten grossen praktischen Versuch in Köthen(1619) jene Einrichtung ins'Leben rief, waren es die Bürger der Stadt, die sich darüber beklagten, dass die Knaben sich auf den Gassen herumtrieben und die Ungezogenheit überhand nehme!¹):„sonder Zweifel darum, dass die Rute gespart und bei ihnen deswegen keine Furcht ist“. Der Versuch in Köthen scheiterte zum Teil gerade an dieser Einrichtung. Ratichius war auf dem richtigen Wege, er hatte aber so wenig wie irgend ein anderer Schulmann jener Zeit einen Begriff davon, dass man auch die körperlichen UÜbungen als hervorragendes Erziehungsmittel benutzen und das freie Spiel jugendlicher Kräſte zur Ordnung leiten könne. Weder das Wort noch der Begriff des Turnens war bekannt. Dass ein Spielplatz zur Schule gehöre, dass die Schule auch zur Leitung der Körperübungen berufen sei, diese Gedanken wären den damaligen Pädagogen lächerlich vorgekommen.
Ein solches Verhalten scheint unverständlich. Denn diese Schulen nannten sich doch Gymnasien. Ihre Lehrer kannten das griechische Altertum und seine Leibesübungen. Aber es zeigt sich hier an einem hervorragenden Beispiel, dass gelehrte Beschäftigung mit einer Sache, ja sogar die idealisierende Betrachtung derselben nicht ausreicht, um zur Nacheife- rung anzuspornen. Auch wollen wir uns nicht zu sehr über jene Zeiten und jene Männer erheben. Wir, die wir eine ganz andere Luft atmen, die wir seit lange gewöhnt sind, im alten Griechentum ein ideales Menschentum zu bewundern, sind doch von einer harmo- nischen Durchbildung aller jugendlichen Kräfte, der des Leibes wie des Geistes, noch sehr weit entternt.
Die oben angeführte Beschwerde der Köthener Bürger beweist, dass Ratichius mit der körperlichen Züchtigung sparsam verfuhr. Das stimmt überein mit seinem Grundsatze, die- selbe nur bei bösem Willen, nicht aber des Lernens halber anzuwenden. So heisst es auch in den Aphorismen über seine Methode ²):„Alles ohne Zwang“(absque coactione omnia); kein Knabe und kein Mädchen soll in Furcht versetzt werden“(nullus puer aut puella perterreatur). Aus den Worten Hirtzwigs über die Schulzucht glaubt man einen Wider- spruch gegen diese Ansichten herauszuhören. Trotzdem ist er von dieser humaneren Gesinnung nicht ganz unbeeinflusst. Die Schulzucht war damals entsprechend dem Charakter
¹) Vogt II, S. 31 u. 35. ²) Vogt I, S. 38. Wahrscheinlich von Jungius verfasst.
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