Aufsatz 
M. Henrici Hirtzwigii Rectoris de Gymnasii Moena-Francofurtani ratione et statu ad Balthasarem Mentzerum epistola : mit Einleitung und Übersetzung / von Karl Reinhardt
Entstehung
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war eine Zeit der Erschlaffung gekommen. jetzt aber wurde der Ruf nach Umkehr und Anderung laut. Es schien eine neue Zeit der Kraftentfaltung im deutschen Volke sich vorzubereiten, und sie begann auf dem Gebiete des Schulwesens. Fürsten und Städte nahmen sich der Reformgedanken des Ratichius an und verwendeten grosse Summen auf Versuche mit seiner Didaktik. Er selbst aber hatte nirgend Glück. Die fruchtbaren Gedanken waren bei ihm zu sehr mit verschrobenen, unausführbaren Ideen verwachsen, wie das ja der Fluch so vieler Schulreformer ist. Auch war er so unpraktisch und störrig, dass jedes Bemühen edler Menschen, das Gute und Thörichte bei ihm zu sondern, erfolglos blieb. An der theoretischen Einseitigkeit, dem unsteten Wesen, der Rechthaberei und religiösen Unduldsamkeit des Mannes scheiterten alle mit ihm unternommenen Versuche. Die Reformgedanken selbst aber, die durch einen so bedeutenden Mann wie Amos Comenius aufgenommen und weiter geführt wurden, hätten wohl bald kräftige Wurzeln geschlagen und Früchte getragen, wenn nicht durch den dreissigjährigen Krieg unser Volk um ein volles Jahrhundert in seiner Entwicklung zurückgeworfen worden wäre. Dass sie aber trotzdem im stillen weiter wirkten und auch auf diejenigen Einfluss ausübten, die im wesent- lichen auf dem alten Boden stehen blieben, dafür giebt uns das Schriftchen Hirtzwigs, das hier veröffentlicht wird, einen Beleg.

Zu den ersten Förderern der Bestrebungen des Ratichius gehörte Balthasar Mentzer. Schon im März 1612, noch ehe das Memorial mit den Reformvorschlägen am Wahltag in Frankfurt überreicht war, hatten die beiden Männer Beziehungen zu einander angeknüpft. Im August desselben Jahres war Ratichius in Giessen und lernte dort Mentzer persönlich kennen. Dieser war es vornehmlich, der dem Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt die Unterstützung des Reformwerkes empfahl und veranlasste, dass zwei der tüchtigsten und begabtesten Giessener Professoren, Helvicus(Helwig) und Jungius mit vollem Gehalte beurlaubt und dem Ratichius zur Herstellung der Lehrbücher und bei seinem ersten Unter- richtsversuche zur Verfügung gestellt wurden. Auch der Herzogin Dorothea Maria von Weimar erstattete Mentzer im November 1612 ein empfehlendes Gutachten über Ratichius und trug auf diese Weise nicht wenig dazu bei, demselben diese seine treueste Gönnerin zu gewinnen. Im Frühjahr 1613 reiste er mit Helvicus eigens zu dem Zweck nach Erfurt und Weimar, um in persönlichen Besprechungen mit den Jenaer und Erfurter Professoren die Pläne des Ratichius zu fördern.)) Auch hatte Mentzer den Wunsch gehegt, dass der erste grössere praktische Versuch mit der neuen Didaktik am Pädagogium in Giessen gemacht werde.

Sein Interesse an dem Reformwerk wurde nicht nur durch die pädagogische, sondern vielleicht mehr noch durch die religiöse und theologische Seite der Sache angeregt. Denn Ratichius wollte mit seiner Didaktik zugleich auch die reine lutherische Lehre verbreiten. In seinem Bericht vom 17. Mai 1612 verspricht er, Mittel an die Hand zu geben,kraft deren, so viel als möglich, durch Gottes Gnade und Willen den Papisten, Calvinisten, Arianern und wie sie und andere Ketzer Namen haben mögen, Abbruch geschehe, und also eher und mehr die reine, wahre, apostolische und lutherische Lehre könne eingeführt, fortgebracht und erhalten werden. Dies Mittel sah er in der leichten und schnellen Er- lernung der fremden Sprachen, die seine Methode, wie er glaubte, ermöglicht:denn wenn

¹) Vogt I, 16 f.