Aufsatz 
M. Henrici Hirtzwigii Rectoris de Gymnasii Moena-Francofurtani ratione et statu ad Balthasarem Mentzerum epistola : mit Einleitung und Übersetzung / von Karl Reinhardt
Entstehung
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ihr Ehrgefühl zu erhöhen, seien dramatische Schüleraufführungen besonders wichtig. Auch trügen dieselben zum Verständnis eines Werkes bei, denn ein Drama könne man erst in der Darstellung richtig begreifen. Später in Frankfurt hat er diese Bemühungen fortgesetzt; seinen Lutherus liess er im Jahre 1617 bei der Jubelfeier der Reformation durch die Schüler dès Gymnasiums öffentlich aufführen.

Nicht lange nachdem Hirtzwig jene Vorrede zum König Belsazar geschrieben hatte, sollte er der Nachfolger des Rektors des Speyerer Gymnasiums werden, der in ein Kirchen- amt eintrat. Zur selben Zeit aber knüpfte der Rat der Stadt Frankfurt mit ihm Verhand- lungen an. Am 31. Juli war er zum ersten Male hier. Da die mündlichen Verhandlungen zwischen ihm und einigen Scholarchen und Predigern zu einem beiderseits befriedigenden Ergebnis führten, so richtete der Rat der Stadt Frankfurt an den von Speyer die Bitte, ihm den dortigen Konrektor zu überlassen, derseiner Erudition und Dexterität wegen vor anderen sonderlich kommendiert sei. Die Speyerer liessen ihn ungern ziehen. Am 7. September traf er mit seiner Familie und seiner Habe hier ein, und am 9. Oktober wurde er feierlich in sein Amt eingeführt. ¹)

Bevor er aber seine schwierige Stellung antrat, begab er sich nach Giessen, um bei seinem alten Freund und Gönner Balthasar Mentzer sich Rats zu erholen, dessen Em- pfehlung er ja das neue Amt verdankte. Denn nicht nur in theologischen Dingen, sondern auch in Schulfragen galt dieser Mann als Autorität, ja er stand mitten in der grossen Be- wegung, die damals durch Wolfgang Ratichius) angeregt worden war. Eine kurze Erläuterung der Ideen und der Thätigkeit dieses Schulreformers wird dazu dienlich sein, die Beziehungen zu verstehen, in denen die in unserem Schriftchen genannten Personen sowie auch sein Inhalt zu den pädagogischen Zeitbestrebungen stehen.

Schon oben ist desjenigen Vorschlags des Ratichius gedacht worden, der sich auf die Reihenfolge in der Erlernung der fremden Sprachen bezieht. Andere seiner Pläne sind nicht minder unpraktisch und unmöglich als jener. Mit manchen Ansichten aber ist er seiner Zeit weit vorausgeeilt, sie haben langsam und allmählich in den Schulen Eingang ge- wonnen und befruchtend auf die ganze Folgezeit gewirkt, ja in gewissem Sinne dauert die Bewegung, zu der er den ersten Anstoss gegeben hat, noch heute fort. So ist er einer der ersten, der den Gedanken der allgemeinen Schulpflicht zu verwirklichen suchte, von dem sich bei den Reformatoren nur hin und wieder Andeutungen finden. Kein Knabe und kein Madchen soll von dem Erziehungswerk ausgeschlossen sein, zum wenigsten bis sie fertig lesen und schreiben lernen.*) Er verlangt eine bessere Pflege der Muttersprache. Alle Unterweisung soll zunächst in der deutschen Sprache geschehen; erst wenn die Schüler dieser mächtig geworden sind und lesen und schreiben können, mag man sie zu andern Sprachen zulassen. Bis zu jener Zeit nämlich und noch eine geraume Weile nachher begann in den höheren Schulen der Unterricht sofort mit dem Lateinischen. An latei-

¹) S. Schulakten I, Fol. 79a 81.

²) Das Beste und Eingehendste über ihn giebt Gideon Vogt:Das Leben und die pädagogischen Be- strebungen des Wolfgang Ratichius. Programme des Priederichs-Gymnasiums zu Kassel. I. Abteilung 1876. II. Abt. 1877. III. Abt. 1879. IV. Abt. 1881. V. Abt. 1882.

³) Vogt II, S. 6.