Aufsatz 
M. Henrici Hirtzwigii Rectoris de Gymnasii Moena-Francofurtani ratione et statu ad Balthasarem Mentzerum epistola : mit Einleitung und Übersetzung / von Karl Reinhardt
Entstehung
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digen Gründen. In deutschen Schulen gebühre der lateinischen Sprache der Vorrang, auf sie folge Griechisch und erst zuletzt Hebräisch. Denn die lateinische Sprache sei über die ganze Erde verbreitet, auf allen Gebieten der Wissenschaft werde sie angewandt und überall gesprochen. Zudem bilde sie die Grundlage für Französisch, Spanisch und Italienisch und sei deshalb nicht nur für die Gelehrten, sondern auch für Kaufleute und Menschen aller Art von grossem Nutzen. Dann betont er die Wichtigkeit des Griechischen, das freilich nicht für alle Stände gleichen Wert habe, aber doch für alle diejenigen nötig sei, die eine höhere wissenschaftliche Bildung erreichen wollten. Denn die Römer verdankten alles Bedeutende in der Beredsamkeit und Philosophie den Griechen, ja im Lateinischen sei alles um so viel besser, als es nach dem Griechischen schmecke. Nicht nur die Theo- logen, sondern auch Juristen und Mediziner gewönnen durch das Studium dieser Sprache. Deshalb sei es für alle Arten der Wissenschaft erforderlich, in dieser Sprache einen Grund zu legen, jedoch ohne langwierige und mühselige Anstrengungen(citra diuturnam con- tentionem et molestias). Die hebräische Sprache aber habe von den dreien die geringste Bedeutung, nur für die Theologen sei sie nötig. Wenn man mit ihr den Anfang machen wolle, so habe der Knabe nichts gewonnen, als Stoff zum verlernen. Die Bibel könne er in der deutschen Ubersetzung lesen. Unrichtig sei es auch, sie die Mutter aller Sprachen zu nennen. Die orientalischen hingen wohl mit ihr zusammen, die abendländischen aber seien von ihr so weit verschieden, wie der Orient vom Occident. Dies Urteil ist um so bemerkenswerter, als die Philologen jener Zeit, unter anderen auch Melanchthon, lateinische Worte ganz harmlos aus dem Hebräischen ableiteten. Er wolle nicht leugnen, fährt Hirtzwig fort, dass manche Sprachen unter einander verwandt seien, könne aber nicht zugeben, dass alle von einer ausgingen. Freilich, wer eine Sprache verstehe, habe über alle anderen ein besseres Urteil, aber nicht deshalb, weil die von ihm erlernte die Quelle der übrigen sei, sondern weil die sprachlichen und grammatischen Erscheinungen zum guten Teil mit einander übereinstimmen.

In allen diesen Xusserungen zeigt sich ein durchaus freies und gutes Urteil. Seine Wertschätzung des Griechischen müssen wir um so höher anschlagen, als die Pflege dieser Sprache damals in den Gymnasien immer mehr zurückgedrängt und nur dadurch noch einigermassen erhalten wurde, dass die Theologen sie für das Verständnis des Urtextes des neuen Testamentes brauchten. Den Grund fůr die Erlernung fremder Sprachen sucht Hirtzwig nur in ihrem Nutzen und ihrer Verwendbarkeit. Ein anderer Gesichtspunkt wäre auch damals unverständlich gewesen.

Obwohl der Name des Ratichius in der Vorrede zum König Belsazar nicht genannt wird, so kann doch als sicher gelten, dass Hirtzwigs Auseinandersetzungen sich gegen ihn richten. Denn niemand anders hat damals die Vorschläge gemacht, die hier bekämpft werden. Wir werden im Folgenden noch mehrfach Anlass haben, die Stellung Hirtzwigs zu dem Reformer zu besprechen.

Auch in erziehlicher Hinsicht giebt er in dieser Vorrede einige beachtenswerte Be- merkungen. Der Lehrer soll das Gemüt und die Anlagen der Schüler genau untersuchen und auch den langsameren seine Aufmerksamkeit zuwenden. Oft seien im Geiste der Knaben Eigenschaften verborgen, die nicht leicht sich zeigen, wenn man sie nicht wecke. Um ihnen nun ein gewisses Selbstvertrauen und Gewandtheit im Auftreten zu geben und