Aufsatz 
M. Henrici Hirtzwigii Rectoris de Gymnasii Moena-Francofurtani ratione et statu ad Balthasarem Mentzerum epistola : mit Einleitung und Übersetzung / von Karl Reinhardt
Entstehung
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Im Testament war ausdrücklich bestimmt, dass keiner seiner Nachfolger die evangelisch- lutherische Religion in seinem Lande abschaffen dürfe. Trotzdem trat Moritz, übrigens einer der hôchstgebildeten Fürsten seiner Zeit, sofort nach dem Tode Ludwigs des Alteren zum reformierten Bekenntnis über und begann den Ritus und die Lehre dieser Kirche im Lande und an der Universität einzuführen. Den Professoren sowie den Geistlichen legte er vier sogenannte Verbesserungspunkte vor, welche die Hauptstücke der reformierten Lehre enthielten. Wer sie nicht unterschrieb, wurde seines Amtes entsetzt. Fünf und fünfzig Geistliche und Gelehrte weigerten sich, unter ihnen vor allen die genannten Winkel- mann, Mentzer und Leuchter. Sie erhielen im Juli 1605 ihren Abschied. Der Vertriebenen nahm sich Ludwig der Getreue an. Leuchter berief er als Hofprediger nach Darmstadt, die Professoren zog er nach Giessen, um dort zunächst mit ihnen ein akademisches Gym- nasium und Pädagogium und dann 1607 eine neue, den lutherischen Lehrbegriff vertretende Universität zu gründen.

Zu den Studenten, die mit den vertriebenen lutherischen Professoren von Marburg nach Giessen zogen, gehörte auch Hirtzwig; er muss unter ihnen eine leitende Stellung eingenommen haben, da er bereits den Magistertitel besass. Sicherlich hatte er schon damals ein nahes Verhältnis zu Balthasar Mentzer und stand unter dessen massgebendem Einfluss. Dieser berühmte Teologe, der Stammvater einer durch fünf Generationen sich fortpflanzenden Gelehrtenfamilie, war 1565 in Allendorf in Hessen geboren, hatte in Mar- burg studiert, dann ein Pfarramt in Kirdorf verwaltet und war von 1596 an Professor der Theologie. Seine zahlreichen Schriften sind fast sämtlich den theologischen Streitigkeiten mit Calvinisten, Katholiken und anders denkenden Lutheranern gewidmet. Der streitbare Mann kam im jahre 1616 sogar mit seinem eigenen Kollegen Winkelmann und im weiteren Verlauf mit den lutherischen Theologen Schwabens und Sachsens über die Allgegenwart Christi in eine heftige Fehde. Dass dieser Zank den Jesuiten zur besonderen Freude ge- reichte, ist begreiflich; sie nannten ihn den lutherischen Katzenkrieg. Nur mit Betrübnis kann man diesen theologischen Hader verfolgen, der jene traurige Zerfahrenheit und jenen giftigen Parteihass im Lager der Protestanten erzeugte, während die Gegenpartei sich zum Entscheidungskampfe rüstete. Diese wahnsinnigen dogmatischen Streitereien der Theo- logen, denen die protestantischen Fürsten eine nur allzu lebhafte Teilnahme entgegen- brachten, haben nicht wenig zur Entfachung, jedenfalls das meiste zu dem verhängnisvollen Verlauf des jammervollen Krieges beigetragen, der die Kämpfenden samt ihrem Hader verschlingen und die Kraft unseres Volkes auf Jahrhunderte brechen sollte.

An jenen theologischen Streitigkeiten hat nun auch Hirtzwig unter der Leitung und dem Einflusse Mentzers sich beteiligt. Am 24. Juli 1607 hielt er an der neu gegründeten, erst vor kurzem mit den kaiserlichen Privilegien ausgestatteten Universität Giessen unter dem Vorsitze Mentzers eine öffentliche Disputation über die reformierte Lehre von der ewigen Verwerfung!) der sogenanntenZorneswahl. In 200 Thesen, in gut lesbarem

¹) Der vollständige Titel der hier zum ersten Male benutzten Schrift, deren Nachweisung ich der Freundlichkeit des Herrn Dr. Kelchner von der Stadtbibliothek verdanke, lautet: De reprobatione ad aeternam damnationem. Disputatio Theologica: De cujus subjectis thesibus annuente Domino Christo: Sub praesidio Balthasaris Mentzeri 8S. Theol. D. et professoris ordinarii, in Academia Giessena, publica disputatione rationem

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