es werde ihnen das Sprichwort aufgerücket:„Francofurtani mali grammatici“.¹) Die Eltern müssten ihre Söhne unter grossen Kosten schon mit 12 und 13 Jahren auf auswärtige Schulen schicken, wenn sie nicht ganz vernachlässigt werden sollten. Die Schuld dieses Rückgangs der Schule trügen einige Lehrer, ganz besonders aber der Rektor, der seinen Unterricht gänzlich versäume und den Lehrern mit schlechtem Beispiel vorangehe. All- gemein gelte er mehr für einen Politiker, als für einen Schulmann. Demnach hatte er offenbar an den politischen Händeln während des Bürgeraufstandes teil genommen, und zwar, wie mit Sicherheit anzunehmen ist, als Parteigänger des alten Rates. Das wird ihn wohl auch so lange im Amte gehalten und schliesslich ihm zu einem noch recht glimpf- lichen Abschied verholfen haben. Er reichte freiwillig seine Entlassung ein und erhielt später(1617) ein Zeugnis, das ihn als Bürger Frankfurts bezeichnet und dem man ansieht, dass es möglichst zu seinen Gunsten gewendet ist.
Am Schlusse der erwähnten Eingabe bittet das Predigerministerium die Scholarchen und den Rat, wegen Neubesetzung der Rektorstelle das Urteil und die reiflichen Vor- schläge einiger Herren Professoren zu Giessen einzuholen. Diese Universität befand sich damals in ihrer ersten Blüte, als Pflanzstätte lutherischer Gesinnung war sie weithin berühmt. Das mit ihr verbundene Pädagogium galt als Musteranstalt. Noch kurz vor seinem Abgang hatte Cravelius sich unter viel Mühe und Verdruss bequemen müssen, die Lehrart des Giessener Pädagogiums hier einzuführen. Die Sache lief freilich übel ab,„denn wer im besten Flor seiner Jahre nichts Sonderliches ausrichtet, von dem hat man wenig Wunder- werk im Alter zu erhoffen“, so lautet das Urtheil der Prediger. Die Augen blieben auf Giessen gerichtet, von dort her sollte das Heil kommen.
Einer der hervorragendsten Professoren Giessens war der Doktor Balthasar Mentzer. In den Kirchenakten(Band V und VI) findet sich eine ganze Korrespondenz zwischen ihm und dem Rat über Besetzung hiesiger Pfarrstellen. An ihn wandte man sich auch jetæt, und er empfahl den Konrektor des Gymnasiums zu Speyer, Magister Heinrich Hirtzwig. Auf die Person und den Lebensgang dieses Mannes müssen wir zunächst näher eingehen, da auf diese Weise am besten erklärt wird, in welchen Beziehungen er zu Mentzer stand. ²)
Hirtzwig ist in Haina in Oberhessen vermutlich um das Jahr 1585 geboren. Zum Studium der Theologie bezog er die Universität Marburg, damals Gesamtuniversität aller hessischen Lande. Hier schloss er sich der streng-lutherischen Richtung an, deren Haupt- vertreter die Professoren D. Johann Winkelmann, D. Balthasar Mentzer und der Super- intendent D. Heinrich Leuchter waren. In dem Hause des letztgenannten nahm er vor 1605 eine Hauslehrerstelle ein.
Am 9. Oktober 1604 starb der Landgraf Ludwig von Hessen- Marburg ohne männ- liche Nachfolge. In seinem Testament teilte er sein Land so, dass Marburg an NMoritz von Hessen-Kassel, Giessen an Ludwig, den Getreuen, von Hessen-Darmstadt fallen sollte.
¹) So heisst der Ausspruch, nicht wie Võmel, Progr. 1829, unrichtig gelesen hat: Francofurtensis mali Gymnasii.
²) Uber Hirtzwig handelt Vömel, im Programm von 1829 nach den noch vorhandenen Schulakten. Da mir mehr Material zu Gebote steht, so ist es möglich, seine Angaben in manchen wesentlichen Punkten zu veryvoll- ständigen. Ferner giebt Scherer in der allgemeinen Biographie B. 12, S. 482 eine treffende Charakteristik seiner lateinischen Schuldramen, im übrigen weiss er nichts über sein Leben. Das Programm Vömels hater nicht gekannt.


