5² vermischten Schriften, und führt daselbst den mehr zutreffenden Titel:»Siegfrieds Tod.« Dieser Titel ist hier in»Götterdämmerung« umgewandelt, und damit ist die Erwartung eines ganz anderen Inhalts provocirt; der Text selbst ist nur wenig erweitert und in den beibehaltenen Stücken fast gar nicht geändert. Trotz der lüngeren auf ihn verwandten Arbeit ist gerade dieser Theil dramatisch und psychologisch der schwächste..
In Bezug auf die Sagenbehandlung ist diese Dichtung durchaus anfechtbar; erwähnt sei nur, dass Hagen der Sohn Alberichs ist; dass auch die übrigen Verwandtschaften verschoben sind; dass Tarnkappe und Oegirshelm regellos wechseln; dass die Hornhaut zwar nirgends erwähnt ist, aber doch vorausgesetzt wird, da Siegfried nur im Rücken verwundbar ist; dass zahlreiche Inconsequenzen in der Benutzung der Sagenüberlieferungen die Verständlichkeit der Fabel ver- dunkeln. Aber man versteht Wagner's Auffassung der Sage nur, wenn man seine prosaischen Schriften vergleicht, besonders den Aufsatz:»Wibelungen; Weltgeschichte aus der Sage(1 2). ¹) Es genügt daraus anzuführen, dass Pharamund, der alte fränkische Stammkönig, kein anderer ist, als Priamus, der nach dem Falle Trojas in ferne Gegenden auswanderte. Das Königsgeschlecht führt in späteren Generationen den Namen»Nibelung«. Nach Verdrängung desselben durch Meroweg gewinnt es als Pipinge oder Karlinge den Königsthron wieder, verschwindet darauf abermals und kehrt als Nibelung— Wibelung— Wibelingen— Waiblinger— Ghibelline zurück mit dem Anspruch auf die Weltherrschaft.
Der poetische Werth dieser Dichtung steht aber qurchaus höher, als das verbreitete Urtheil zugestehen will. Es fehlt nicht an Stellen von grosser dramatischer Lebendigkeit und warmer poetischer Empfindung; man prüfe darauf nur den Schluss der»Walküre«. Wagner gebührt ferner die Anerkennung, dass er mit der Romantik, in deren Banden die Musik immer noch liegt, wenn auch gewaltsam gebrochen hat; aber sein grösstes Verdienst liegt darin, dass er nach C. M. v. Weber'’s Vorgang mit Erust und Entschiedenheit für die deutsche Oper auch einen nationalen Stoff als Text gefordert hat. Was der romantischen Dichtung nicht gelungen war, da sie die Romantik des deutschen Volksgemüthes nicht begriffen hatte, das hatte Weber getroffen. Er hatte zuerst(neben Schubert) einen verständnissvollen und verständlichen Ausdruck gefunden für den innigen Drang nach Erweckung der alten Volkskraft und Herrlichkeit, den die Freude an Natur und Vaterland durchdrang; und der unläugbare durchschlagende Erfolg der Wagner'schen Opern beruht zum nicht geringen Theile darauf, dass seine Texte durch ihre klare Abrundung und ihren nationalen Inhalt stets sympathisch auf den Zuhörer wirken.
¹) Dieser Aufsatz ist schon 1848 geschrieben, aber erst in den gesammelten Schriften(1871, II, 152— 214) veröffentlicht.


