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Schluss.
Der Verfasser ist sich bewusst, dass auf dem grossen Gebiete gewiss manche Einzel- erscheinung seiner Kenntniss entgangen ist, und würde für jede Mittheilung und Berichtigung dankbar sein. Manches Untergeordnete ist mit Absicht übergangen, da es auf die Entwicklung im Grossen ohne Einfluss geblieben ist. Die Lyrik, welche sich an die Nibelungen anschliesst, hätte eine besondere Berücksichtigung verdient: aber weitaus die meisten Lieder sind in die grösseren Bearbeitungen eingeflochten. Unabhängige Dichtungen, wie die Siegfriedslieder von Uhland,»Volkers Nachtgesang« von Geibel, etc. sind vereinzelte Erscheinungen.
Wir können nunmehr unser gewonnenes Urtheil in folgende Sätze zusammenfassen:
I. Die Geschichte lehrt uns, dass das zeitweise Verschwinden und Wiederauf leben der Nibelungen in genauem Zusammenhange steht mit dem absterbenden und wiedererstarkenden deutschen Nationalgefühl. Wie die Geschichte unseres Jahrhunderts im tiefsten Grunde durch- drungen ist von dem Sehnen und Streben nach einer nationalen Einheit, so hat sich dieselbe auch der verlorenen Schätze unserer nationalen Poesie in steigendem Maasse wieder bemächtigt. Jetzt, wo wir die national-politische Einheit wiedergewonnen haben, dürfen wir hoffen, dass auch die nationale Sage zur Stärkung des Einheitsgefühls das Ihrige beitragen wird.
II. Das neue Gewand für den alten Sagenstoff ist noch nicht gefunden. Dennoch erkennen wir auf das Bereitwilligste an, dass die neuere Poesie mit grossem Eifer und vielem Glück es sich hat angelegen sein lassen, den spröden Stoff zu durchdringen. Diese Erfolge lassen auch die Hoffnung als berechtigt und gegründet erscheinen, dass eine poetische Form wird gefunden werden, welche dem ehrwürdigen Stoff einen Eingang in die weitesten Kreise des nationalen Lebens eröffnen wird.
III. So lange diese moderne Form nicht gefunden ist, fällt die Pflege der Sage vor- zugsweise der Schule zu. Thatsächlich liegt dieselbe auch schon in den Händen der Schule, und die pädagogische Bedeutung des Nibelungenliedes ist von Gelehrten und Pädagogen unbestritten anerkannt worden(A. W. v. Schlegel, Platen, Uhland, Hiecke, Laas u. A.). Welches Interesse die germanistische Philologie an dem Epos nimmt, bedarf keiner Ausführung.
IV. Wenn die mitwirkenden Factoren es sich zur patriotischen Pflicht machen, das glänzende Bild Siegfrieds zum Symbol der wiedererwachten Kraft und Herrlichkeit des in seiner Einheit starken deutschen Vaterlandes zu erheben, dann dürfen wir der frohen Zuversicht leben, dass der wiederauferstandene Siegfried als ein wirklicher»siegreicher Friedensheld« auch sein Volk nach dem glänzenden Siege über seine inneren und äusseren Feinde zu einem dauernden
Frieden führen wird.


