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zu erwartenden Riesengeschlechte hintertrieb den Abschluss des Bündnisses. In einer unglück- lichen Stunde fragt Brunhild ihn nach seiner Abkunft und seinem Besitz: da schieden sie im Zorn. Seitdem sucht er mit doppeltem Eifer sein Geschlecht, da der Name eines»Fündlings« ihm seinen Ruhm und seine Lebensfreude verbittert. An Kriemhild wurde er durch einen Zaubertrank gekettet, welchen Guta von den Göttern erhalten hatte und bei Siegfrieds Empfang in dessen Becher mischte. Nun begleitet er Günther nach dem Lande Helgi's; im Wettkampfe siegt Günther über Brunhild im Steinwurf; wie er aber in sein Zelt zurücktritt, um seine Rüstung zum weiteren Kamnpfe anzulegen, da reichen seine Genossen ihm einen Schlaftrunk, und statt seiner tritt Siegfried, durch die volle Rüstung unerkennbar und als Verwandter Günthers demselben an Gestalt sehr ähnlich, heraus und führt den Kampf siegreich zu Ende. So war Günther Betrüger zugleich und Betrogener. Nachdem auch zu Worms Brunhild zum zweiten Male von Siegfried überwunden war, regte sich dessen Gewissen darüber, dass er Brunhild die Eide brach. Auch seine Liebe zu ihr ist noch nicht erloschen und die Parallele zwischen den beiden Frauen muss zu Gunsten Brunhilds ausfallen. Ebensowenig kann aber auch Brunhild ihre Neigung zu Siegfried beherrschen; wie aber durch Ortrude der Verdacht in ihre Seele geworfen wird, dass sie von Siegfried besiegt sei, da erwacht eine ebenso tiefe Verachtung gegen Günther in ihr, wie ein glühender Hass gegen Siegfried sich gegen ihre Liebe erhebt. In hässlicher Weise drängt Hagen sich ihr auf; sie ist zwar von Abscheu gegen ihn erfüllt, aber sie nimmt seine Dienste an, und Beide dringen nun bei Günther auf Siegfrieds Tod. Die Schilderung dieser Katastrophe ist originell und sehön. Eine Menge von Localeinzelheiten (die Riesensäule, das Felsenmeer etc.) sind eingewoben; ein Bote ist schon unterwegs nach Santen, um Siegfried die Beweismittel zu überbringen, dass er der rechtmässige Herr von Burgund sei; die irrsinnig gewordene Guta begegnet noch zuletzt Siegfried, und durch ihre wahnsinnige Liebe zu Siegfried als dem vermeintlichen Siegmund, durch die zahlreichen Erinnerungen an des Letzteren Tod, der an derselben Stelle fiel, wo Siegfried stirbt, durch Günthers Furcht vor Siegfrieds Thronansprüchen, durch Hagens Neid, Eifersucht und Hass wird Siegfrieds Tod zu einem Culminationspunkte, in welchem alle Fäden am Schlusse zusammen laufen. Brunhild weiss von dem ganzen Plane. Den einzig schönen Abschied Siegfrieds von ihrem Sohne Helgi hatte sie ungesehen belauscht; da war die Eisrinde ihres Herzens geschmolzen und die Reue brach durch; aber es war zu spät, das rollende Rad konnte sie nicht mehr aufhalten.— An Siegfrieds Leiche begegnen sich die beiden Frauen, und Kriemhild, besiegt durch die hoheitsvolle Demuth Brunhilds, reicht ihr die Hand zur Versöhnung. Bei der Leichenverbrennung Siegfrieds stürzt sich Brunhild mit Grani in die Flammen des Scheiterhaufens.
Hagens Charakterbild ist am wenigsten geschlossen und getroffen. Denn seitdem die Schicksalsfäden von den Göttern selbst, die auf dem Brocken wohnen, regiert werden, und der Fluch, der am Andwaranaut hängt, das Dämonische in den Seelen entfesselt, ist für Hagen eigentlich kein Platz vorhanden. Die Sorge um Günthers Reichsregentschaft und sein Hass gegen Siegfried sind allein nicht ausreichend, seinen Charakter zu motiviren. Zwar zeigt sich seine gauze boshafte List in der Schlauheit, mit welcher er Kriemhild zu bestimmen weiss, die verwundbare Stelle an Siegfrieds Rücken durch ein aufgenähtes Kreuz von rothem Tuche zu bezeichnen; aber die Nöthigung, sich Hagen vorstellen zu müssen, wie er selbst mit Nadel und Scheere dies Kreuz sich zuerst auf seinen Mantel nähte, bringt einen Zug in sein Bild, der sich mit dem grimmen Hagen schlechterdings nicht vereinigen lässt.
Im II. Theile:»Hildebrants Heimkehr« erwartet man einen Anschluss an den zweiten Theil der Nibelungen; allein diese Voraussetzung ist irrig. Der Dichter hat den geringen Theil


