Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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49.

ausser dem ersten Theile des Nibelungenliedes hat jedoch auch die Edda auf Stoff und Form der Dichtung bedeutend eingewirkt; daneben erkennen wir einzelne Züge der Wilkinasage, der Gudrun, des Hildebrandslieds, homerische und Dante'sche Farben; und diese reichen, dem ganzen Sagengebiete entnommenen Mittel, zusammengekittet durch des Dichters eigene gestalten- und farbenreiche Phantasie, haben sich zu einem Ganzen zusammengeschlossen, das durch Gross- artigkeit der Anlage, wie durch Schönheit in den Einzelschilderungen einen hervorragenden Rang einzunehmen berufen ist. Für den Germanisten würe es eine an sich anziehende Aufgabe, dem Dichter bis an seine Quellen nachzugehen und so ihn selbst bei seiner Arbeit zu belauschen. Doch sowohl der knapp zugemessene Raum, wie unsere specielle Absicht verpflichten uns zur Beschränkung auf die concrete Frage: wie weit ist die eigenthümlich deutsche Sage in diesem Epos zu ihrer Geltung gekommen?

Zunächst ist der breite Untergrund der Sage dadurch verschoben, dass die verwandt- schaftlichen Beziehungen verengert sind. Nur Hagen und Guta(Ute) sind Nibelungen: Guta's Gemal, Gibich, stammt dagegen in directer Linie von»Wolse« dem Stammvater der Wölsungen. Die vier Geschwister gehören also nach ihrer Abstammung beiden Geschlechtern an. Siegmund war der ältere Bruder Gibichs, also der rechtmässige Erbe des burgundischen Thrones. Derselbe hatte seine erste Gemalin verlassen und die Tochter des Sachsen Wittkinn, Jördis, zur Ehe genommen. Diese Ehe war, wie es sich später zeigt, rechtsgültig geschlossen, und zwischen den beiden jungen Gatten war ein Ring getheilt worden. Siegmund wurde jedoch bald darauf auf der Jagd angeblich von einem Eber getödet; Jördis gebar auf einem Werder bei Worms einen Knaben; sie selbst fand unmittelbar darnach auf unaufgeklärte Weise ihren Tod und das Kind war verschwunden. Damit war das Geschlecht Siegmunds vertilgt, und dadurch war sowohl einem möglichen Anspruch auf den rechtmässigen Besitz des burgundischen Thrones von dieser Seite vorgebeugt, als auch die Flamme der rasenden Eifersucht einerseits Hagens auf Siegmund (weil auch er die Jördis geliebt hatte), andererseifs Guta's auf Jördis um den Besit Siegmunds vorläufig gelöscht. Das verschwundene Kind war indessen von dem treuen Diener Wendel in einem Schildkrotschiffchen mit gläsernem Deckel auf den Rhein gesetzt und seinem Schicksal überlassen worden. Die Rheinnixen, verwandelte Töchter Nibelungs, hatten aber das Kind sicher geleitet und dem Schmied Mime zugeführt, in dessen Schutz es aufwuchs, von einer Hindin genährt und gehütet. Nun beginnen die Fahrten Siegfrieds weit hinaus in die Welt, sogar bis nach Wälschland, wo die Königin Tacita ein Marmorbild von ihm anfertigen lässt ¹), und zuletzt kommt er nach Worms. Dort wird er von den Andern zwar bald erkannt und auch die letzten Zweifel über seine Person verschwinden; er selbst erfährt aber erst nach seiner Vermählung seine nahe Verwandtschaft zu Kriemhild. ²) Aber auch Brunhild gehört in diesen Verwandten- kreis, denn Sinfiotli aus dem Wölsungengeschlechte war ein Halbbruder ihres Vaters Helgi. Wir sehen damit Siegfried ebenso dicht an Kriemhild gerückt, wie er weit von Brunhild entfernt worden ist. Entspricht dies noch den mythologischen Voraussetzungen, welche die An- nahme eines Naturmythus rechtfertigen?

Dadurch ist Siegfrieds persönliche Beziehung zu Brunhild auch eine andere geworden. Schön ausgeführt ist die Erweckung Brunhilds aus ihrem Zauberschlafe. Die Eide der Treue wurden geschworen, aber der Neid der Götter und ihre Furcht vor dem aus dieser Verbindung

¹) Die Vergleichung mit Apollo scheint die Voraussetzung eines Naturmythus zu involviren. ²) Durch ein Versehen ist bei der Correctur die veraltete Form»Chriemhild« an früheren Stellen stehen geblieben. Es ist selbstverständlich, dass(ausser in den Titeln der Dramen) die Schreibweise»Kriemhild« die allein berechtigte ist. Der Verfasser. Musterschule 1876. 7