Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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48.

dass sie sich dem Willen ihres Gemals unterwerfe; denn so fordere es die Landessitte. Da sie sich sträubt, wird das Gemach verdunkelt; Siegfried schleicht heran, ergreift ihr von rückwärts die Hände und löst den Gürtel; Brunhild sinkt betäubt zusammen, und wie sie erwacht, ist Alles vorbei. Beide sind von der glühendsten Leidenschaft zu einander gezogen, und diese ist bis zum Schluss nicht gemindert. Lässt sich das mit Siegfrieds Verfahren vereinigen? ist dieses nicht vielmehr schändlich? Brunhild weiss darum; sie fordert zwar einmal seinen Tod von Günther; aber ihr Hass kommt nicht auf gegen ihre leidenschaftliche Liebe; ist das psychologisch möglich? Auf dem Wege zum Münster wird der Hochzeitszug von Gernot, welcher seinen Bruder von Anfang an hasst und verachtet, angegriffen; man gelangt zu einer Eiche an einem Brunnen(Yggdrasil? Urdh's Brunnen?), da wird Brunhild vom Blitze erschlagen; während der entstandenen Verwirrung findet Hagen Gelegenheit, Siegfried hinterrücks zu erstechen(warum? ist nicht recht ersichtlich), und Günther ersticht sich selbst; die hereinbrechenden Hunnen treiben Alles auseinander.

Weitaus bedeutender ist Geibel's»Brunhild«. Das Stück spielt nur in Worms. Aus Hagens Bericht schliessen wir, dass der Held, welcher in voller Rüstung und geschlossenen Helms Brunhild besiegte, und durch keinen Ton seiner Stimme sich verrieth, Siegfried war. Sie ergibt sich in das Unvermeidliche; ihre Liebe zu Siegfried ist aber noch unerkaltet; darum wünscht sie vergebens, dass ihr Gemal ihn in seine Heimath entlasse.

Seitdem steigert sich ihre Eifersucht auf Chriemhild.(Ueber die zweite Bewältigung erfahren wir nur einzelne Andeutungen.) Durch falsche Voraussetzungen verleitet nähert sie sich Siegfried und glaubt, bei ihm auf eine Spur von früherer Neigung zu ihr hoffen zu dürfen. Sie täuscht sich aber; nun schlägt ihre Liebe in Hass um, der im wildesten Aufschrei sich Luft macht. Da entbrennt bei dem Opfer am Sonnwendfest der Streit der Königinnen; zum Aeussersten getrieben zeigt Chriemhild ihr die Doppelspange, welche Siegfried ihr in der Nacht raubte; da ist das letzte Band zerrissen. Mit ihrem Hasse verbündet sich Hagens Unversöhn- lichkeit, weil Siegfried ihn im Wettkampfe besiegte. Beide wissen den schwachen Günther zu bestimmen, dass er in Siegfrieds Tod willigt. Seine Ermordung wird vorausgesetzt; da begegnen sich die beiden Frauen an Siegfrieds Leiche. Der glühende Hass gegen den Todten ergreift noch einmal Brunhild; aber siegend bricht die sühnende Liebe durch den Sturm, und in unwiderstehlicher Sehnsucht, im Tode wenigstens mit ihm vereinigt zu sein, stürzt sie sich in sein Schwert. Der Leser fühlt aber keine Versöhnung, denn das entsetzliche Rachegelöbniss Chriemhilds und die blutige Vision Sigruns lassen noch Entsetzlicheres in der Zukunft ahnen.

Durch ihre Selbständigkeit als poetische Schöpfung sowohl, wie durch ihren Umfang sind die»Nibelungen« von W. Jordan die weitaus bedeutendste Leistung unter den neueren Nibelungendichtungen. In richtiger Erkenntniss hat er der Sage ihr episches Gewand gelassen; der freie altdeutsche Vers mit vier Hebungen gibt, in Verbindung mit der durchgeführten Allitteration, der Sprache eine alterthümliche Färbung; jedoch nur die bedeutende Sprachge- wandtheit des Dichters vermag die erheblichen Bedenken abzuschwächen, welche gegen die Wahl dieses Versmasses sich erheben lassen und erhoben wordev sind.

Die Quellen, aus welchen der Stoff geschöpft ist, gehören nur zum kleineren Theile der engeren deutschen Sage an. Bei weitem das meiste Material hat die Völsungasage geliefert;