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dass Rüdiger schon zu Anfang des IV. Acts der Königin sein Leben als Sühne bietet. Sie nimmt dieselbe zwar für jetzt nicht an; aber sie gemahnt ihn später an seinen Eid. Da klagt er nicht, sondern bekennt sich zu Allem, auch dass er Giselher habe entfliehen lassen wollen. So geht er in den Kampf, erschlägt erst Volker, dann Giselher, und fällt zuletzt selbst von Hagens Hand.
Wir sehen also, dass diese drei Leistungen einen bedeutenden Fortschritt in der dramatischen Bearbeitung bekunden. Aber so bereitwillig wir dies auch anerkennen, ebensosehr müssen wir auch betonen, dass es ihnen nicht gelungen ist, Rüdiger aus seiner epischen Passivität herauszuziehen und zu einem wirklich tragischen Helden umzubilden. ¹)
Wir nähern uns der Peripherie des Kreises, welchen wir unserer Untersuchung gezogen haben. Auf der Grenze liegen aber noch einige Versuche aus neuerer Zeit, welche insoweit noch in den Kreis fallen, als sie einen Theil ihres Stoffes dem Nibelungenepos entlehnen; zum andern Theile liegen sie aber ausserhalb des Kreises, da sie die nordische Sage mit der deutschen zu vereinigen streben.
Zunächst gehören dazu die beiden Trauerspiele von Waldmüller und Geibel, welche der Brunhild dramatisches Leben zu verleihen suchen. Der Versuch scheint dadurch gerechtfertigt, dass ihr Bild im Epos am wenigsten scharf gezeichnet ist; der dramatische Dichter gewinnt dadurch eine ungleich grössere Freiheit der Gestaltung als bei Rüdiger. Auch bietet der I. Theil des Epos eine weniger streng geschlossene Handlung, so dass es darum leichter erscheint, die einzelne Gestalt der Brunhild kräftiger herauszuheben. Dagegen freilich steht das Bedenken, dass Brunhild auch noch im Epos die Walkyre ist, wenn sie auch nirgend so genannt wird; es pleibt darum fraglich, ob menschliche Züge und Gedanken mit der wilden Götterjungfrau sich vereinigen lassen. Hören wir, wie die Bearbeiter sich mit diesen Schwierig- keiten zurecht gefunden haben.
Waldmüller macht von seiner Freiheit in der Behandlung der Sage den weitesten Gebrauch. Eine Werbung Etzels um Chriemhild ist von Ute und Günther abschläglich beschieden worden; denn Chriemhild ist Siegfried»zugedacht«, noch bevor derselbe um sie geworben hat. Zu dieser Werbung kommt es eigentlich gar nicht, denn Siegfried ist von heisser Leidenschaft für Brunhild erfüllt,»sie zieht ihn heim«. Darum wird er in dem Augenblicke, wo er äbreisen will, zum ersten Mal mit Chriemhild zusammengeführt;(hier erwartet man den Vergessenheitstrank); er wird von ihrer Schönheit ergriffen und fügt sich nun der Forderung Günthers, ihn nach Iseland zu begleiten. Eigentlich wird er aber durch ein Complott Utes und Günthers überrumpelt.— Die zweimalige Besiegung Brunhilds ist nun sehr vereinfacht. Sie verlangt von Günther als einzige Probe, er solle ihren Bogen spannen. Während dessen hat Siegfried sich hinter den Waffen verborgen; bei der Verwirrung, welche sein Verschwinden her- vorruft und Brunhild an das Fenster treibt, tritt er rasch hervor, spannt den Bogen, und wie Brunhild zurückkehrt, ist Alles geschehen.— In Worms soll am Abend des Hochzeitfestes Brunhild ihren Gürtel, in welchem ihre Stärke ruht, mit einem andern vertauschen, zum Zeichen,
¹) Wir versagen es uns, ein Schauspiel aus der deutschen Heldensage»Helke«(anonym, Leipzig 1856) hier aufzunehmen. Doch verdient dasselbe nach Form und Inhalt eine rühmliche Erwähnung.


