Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Wenn auch in allen früheren Bearbeitungen das Auftreten Rüdigers nicht zu umgehen war, und die Dichter sich mit mehr oder weniger Glück an der Lösung seines psycho- logischen Problems versuchten, so ist doch nur von dreien, Schenck, Osterwald und Dahn, seine Person zum Vorwurf eines selbständigen Dramas genommen worden. Man darf von allen Dreien gleichmässig rühmen, dass sie in Sprache und Ausführung edel gehalten sind; sie haben auch dieselben Grenzen sich gesteckt: von dem Empfang zu Bechlaren bis zum letzten Kampfe; sie haben auch in ihrem Verlaufe viel Aehnliches, das eine gegenseitige Bekanntschaft voraussetzt, ohne dass daraus eine Anlehnung zu ersehen wäre.

Die Schwierigkeit, alles Andere soweit zurückzudrängen, dass Rüdiger immer im Vordergrunde steht, war gewiss nicht gering; erreicht ist dies von Schenck am ersten. Auch haben wir schon früher auf die Unmöglichkeit hingewiesen, gerade den letzten Theil des Epos für die Bühne gerecht zu machen; die Hauptaufgabe blieb aber dennoch, den epischen Rüdiger in einen tragischen Helden umzuwandeln. 8

Schenck lässt ihn ausser dem Eid, den er Chriemhild in Worms leistete, auch zu Bech- laren noch den Burgunden einen feierlichen Eid schwören:»sie mit seiner ganzen Macht an Etzels Hof zu beschützen, jegliche Gefahr von ihnen zu wenden, und sie in Sicherheit zu geleiten, bis sie des Reiches Mark wieder überschritten hätten.« Dieser Eid war unbedacht, da Rüdiger durch Götelind und Dietrich von Chriemhilds bösen Absichten wusste. Wenn er später Chriem- hild gegenüber behauptet, arglistig zu dem Eide gebracht worden zu sein, so kann er nicht hinzusetzen, dass seine Ehre ihn dazu getrieben habe, noch, dass er»sonder Arg sein Herz ihnen gefangen gegeben habe,« denn er war gewarnt. Hier steht Eid gegen Eid; es ist nicht ersichtlich, warum er sich für den Eid, den er der Königin leistete, entscheidet.

Bei Osterwald ist Rüdiger nicht minder gewarnt. Nachdem er schweigend dem Streite Chriemhilds mit Hagen und Volker auf dem Schlosshofe beigewohnt hat, sind die Schrecken des Ausgangs vor seiner Seele völlig lebendig. Nun erwartet man, dass er zwar tiefen Schmerz empfinde, aber den Schmerz eines kraftvollen Mannes, der sich mächtig fühlt, noch gewaltig einzugreifen. So erscheint er aber nicht; sein ganzes Wesen ist seitdem von einer weichlichen Hoffnungslosigkeit erfüllt; seine Klagen sind ohne Kraft; er ist ein gebrochener Mann. Der Entscheidungsscene mit Chriemhild ist dadurch die Spitze abgebrochen, dass er ihre Absichten schon alle vorher kannte. Gerade das niederschmetternde Einschlagen von Chriemhilds Mahnung an den Eid musste diese Scene zum Höhepunkte machen. Seine übergrosse Gottergebenheit steigert sich noch; er erkennt im Kampfe gegen die Burgunden deren gerechte Strafe; er glaubt auch selbst eine Schuld mit diesem Kampfe zu büssen(welche?). Seinen Tod durch Geruots Hand erfahren wir durch Hildebrand. Die ganze Tragödie ist in ihrer Haltung wie in ihrem Grundgedanken mehr episch; durch das Hinzukommen von Götelinde und Diotlinde(deren Geister anfangs Rüdiger zu sehen glaubt) gewinnt dieselbe auch noch einen lyrischen Anstrich. Auch das politische Moment des Stammhasses zwischen Hunnen und Germanen spielt leicht hinein.

Am umfangreichsten und mit vielen lebendigen neuen Zügen ausgestattet ist das Trauerspiel von Dahn. Aber eingewoben ist ein immer deutlicher hervortretendes politisches Moment, dessen Berechtigung stark angezweifelt werden muss; es gipfelt darin, dass zuletzt Etzel die Herrschaft der Welt Dietrich und Hildebrand übergibt:»Siegfried ist gerächt, der Hunnen Joch und Geissel brach; die Welt ist frei«, und Dietrich verkündet nun den starken Frieden. Dadurch tritt Rüdigerz Eid fast ganz zurück. Er hat Giselher Gelegenheit zur Flucht verschaffen wollen; dieselbe ist aber von Hagen scheinbar benutzt worden, so dass der Haupt- schuldige der Königin entkommen zu sein scheint. Die Verwicklungen sind so stark geworden,