Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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45 bei Siegfrieds Tode sind vollends roh; er nennt den Sterbenden einen Schwätzer, Tropf etc., während das Epos von Hagen nur berichtet, dass er seinen Freunden das Klagen verwiesen habe.

Brunhilds Erscheinung ist im Epos nicht greifbar; die einzelnen Züge schliessen sich nicht zu einem ausgeführten Bilde zusammen; bei Hebbel ist sie ganz unverständlich. Sie wohnte in einer Flammenburg, umgeben von einem Flammensee; dort hatte Siegfried, gedeckt von seiner»Nebelkappe«, sie gesehen, aber, ungerührt von ihrer Schönheit, hatte er sich wieder entfernt; daher kennt er auch ihre Geheimnisse, ihre Burg, und den Weg zu ihr. Nachdem sie besiegt ist(d. h. der Kampf wird vorausgesetzt) fahren sie nach Worms. Vor der Landung will Günther ihr einen Kuss rauben;»sie ist aber gewahr geworden, dass es nur eines Daumen- drucks bedurfte, um den Freier wegzuschnellen; da ward sie toll... ergriff ihn.. und hielt ihn in den Rhein hinaus«. Später freilich nimmt sie an:»Grossmuth war's, was ich für Ohnmacht hielt; du wolltest mich nur nicht beschämen, als ich auf dem Schiff so unhold trotzte«. Ihr Hass gegen Siegfried ist ganz unerklärt; sie erkennt zwar dessen Grundlosigkeit an, aber in demselben Augenblicke lodert derselbe wieder so auf, dass sie sogar Siegfrieds Tod fordert: »weil sie ihn vor Günther begrüsst habe!!« Nach Siegfrieds Tode wird sie wahnsinnig. Sie ist in Siegfrieds Grab gezogen und wohnt in demselben;»im Auge habe sie Thränen, und mit den Nägeln zerkratze sie bald ihr Angesicht, bald das Holz. Günther wollte sie dort einmauern, allein Frigga wusste dies zu verhindern«.

In demselben Maasse, wie diese Personen verzeichnet sind, liesse sich bei den Uebrigen die Verzerrung nachweisen. Es fehlt Allen, einige wenige Scenen ausgenommen, an Würde und an Wärme der Empfindung, auch des Hasses. Goedeke nennt die Tragödie mit Recht ein Puppen- spiel, denn gerade die entscheidenden Abschnitte, besonders der ganze Schluss, spielen hinter der Scene. Darum stehen wir nicht an zu sagen, dass diese Tragödie, wenigstens in der Auffassung und Behandlung des Stoffes, hinter mancher der früheren Leistungen weit zurückstehe.

Den neuesten Versuch, Chriemhild in den Vordergrund einer Tragödie zu stellen, hat Hosäus gemacht. Sein Trauerspiel bietet in sofern etwas Neues, als er einen sittlichen Conflict in die Seele Chriemhilds dadurch zu bringen sucht, dass er das christliche»Ethos« in ihr in einen Kampf treten lässt gegen ihre dämonisch erregte Natur. Fälschlich setzt er voraus, dass im Epos die Rachegedanken Chriemhilds von Anfang an stetig dieselben gewesen seien. Preilich, als sie ihre Brüder einlud, war die Absicht, wenigstens Hagen zu vernichten, zur Reife gediehen. Hosäus lässt Chriemhilds Einladung an die Brüder ergehen in ihrer fest beschlossenen Absicht, zugleich mit Hagen die Brüder ohne Ausnahme zu verderben. Davon weiss der Pater Felix, ihr geistlicher Beistand. Derselbe weiss ihr darüber so ins Gewissen zu reden, dass sie zeitweise völlig zur Versöhnung geneigt ist. Aber Hagen vereitelt Alles. Er tritt so grob und brutal auf, dass sogar Dietrich ihn»rücksichtslos und roh« nennt, und Hildebrand möchte ihn niederschlagen, wenn nicht Dietrich dies verhinderte. Dadurch wird die Katastrophe denn herbeigeführt, und so sehr triumphiren die dämonischen Mächte, dass Chriemhild im Tode reuelos dem Pater zuruft:»die Heidin hat gesiegt. Wenn dich dein Meister fragt, frag ihn, warum er mich in meinem Seelenkampf verliess: jetzt ist's zu spät, denn dieser Hagen hat uns All' mit sich zum Höllenpfuhl gerissen«. Die versöhnende Macht des Christenthums scheint also gegen die Gewalten der Hölle nicht ausreichend zu sein.