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Nach siebenjähriger Arbeit hatte er die Genugthuung, kurz vor seinem Tode, seine Leistung mit dem Schillerpreise von 1000 Thalern anerkannt zu sehen. Die erste Aufführung zu Berlin (December 1862) vermochte zwar weder die Kritik, noch die öffentliche Meinung zu erwärmen, trotz der besten Besetzung; und nachdem die Tragödie(besonders der II. Theil) die Runde auf den grösseren Bühnen gemacht hatte, verschwand sie wieder. Seitdem hat das Kunsturtheil sich in sehr verschiedener Weise über den Werth der Dramatisirung ausgesprochen; uns steht nur die Frage zu, wie ist der Dichter seinem Stoffe gerecht geworden?
Er versichert zwar in seinem gereimten Vorwort, schon in seiner Jugend von dem Epos ergriffen worden zu sein; es scheint aber, dass sein Studium kein sehr eindringendes war, sonst hätte er nicht den Fährmann Else mit dessen Bruder Gelfràt verwechselt, auch nicht Ortlieb in Otnit umgewandelt, noch für Rüdigers Tochter den leicht missverständlichen Namen Gudrun gewählt(wenn er deren Namen aus der Klage, Götelind, nicht annehmen wollte oder konnte). Der Verdacht der Gewaltsamkeit wird zur Gewissheit, wenn man seine Charaktere
grössten Diensten es noch nicht wagte, seine Augen zu der geliebten Chriemhild zu erheben, und bei der ersten Begegnung keine Worte fand, ihr auch nur seinen Gruss auszusprechen, passt dies gewiss nicht.— Noch weniger vereinbar mit seinem Bilde ist sein überaus burschikoser Heirathsantrag, welchen man, wie den ähnlichen Giselhers, nicht ohne Befremden lesen kann; gleicherweise mangelt sowohl bei Chriemhild wie bei Gudrun das Sittige; sie antworten in demselben Tone.— Fast noch unbegreiflicher ist die Art, wie Chriemhild in den Besitz von Brunhilds Gürtel kommt. Sie hat denselben»zerknüllt« unter dem Tische gefunden und ihn für ein Geschenk ihres Gatten gehalten. Nun will sie ihm danken; doch er nimmt den Dank nicht an, denn er kennt den Gürtel nicht. Da dringt Chriemhild in ihn, und nun erinnert er sich allmälig, dass Brunhild ihm die Hände hat binden wollen; er hat jedoch das Band ge- nommen und in seinen Busen geschoben; später ist es ihm entfallen und unter den Tisch ge- kommen, von ihm unbemerkt. Man weiss nicht, was wohl sonderbarer ist, die Voraussetzung, dass Siegfried einen kostbaren, mit edlen Steinen besetzten Gürtel als Geschenk für seine Frau »zerknüllt« unter den Tisch wirft, oder dass er den Gürtel aus seinem Busen, ohne ihn weiter zu bemerken, zufällig verliert. Welche wirkungsvolle Scene hat hier der Dichter sich entgehen lassen!— Vollends sein Tod hat nichts von dem Ergreifenden und Versöhnlichen des Ver-
Züge gelegt hat.
Hagens Bild ist noch weniger getroffen. Schon gleich in der ersten Scene befremdet sein Spott über das Osterfest und sein cynisches Bramarbasiren; bald verfällt er in einen polternden Ton, der seiner Ausdrucksweise durchweg eigen bleibt. So commandirt er: zum Dom! In den Streit der Königinnen mischt er sich mit den Worten:»Was gibt es hier?.. er hat geschwatzt!« und Siegfried antwortet:»Hier wurde nicht geschwatzt! ihr werdet sehen!« — Die Art, wie er Chriemhild das Geheimniss von Siegfrieds Verwundbarkeit entlockt, ist die eines Bösewichts; mit den schnödesten Mitteln weiss er die Frau zu hintergehen.— Seine Reden


