Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Einen bedeutenden Schritt zum Besseren bezeugt Raupach's»Nibelungen-Hort.« Wie- wohl diese Tragödie zu Raupach's schwächeren Stücken gehört, zeigt sich doch in ihr ein Theil seiner künstlerischen Vorzüge: die Sprache ist klar und frei von gesuchten Effecten; die Com- position ist nur zu einfach, denn wohlweislich verlegt er die schwierigsten Momente hinter die Scene. Dafür bringt er einen neuen Factor in die Entwicklung, indem Siegfried sich von Chriemhild das Wort geben lässt, sich nicht wieder zu vermählen. Es scheint, man hat es früher nicht über das Herz bringen können, Chriemhild als wirkliche Gemalin Etzels erscheinen zu lassen; so hatten auch schon Müller und Eichhorn diesen Punkt umgangen. Auch Raupach versucht dies, dadurch dass er den II. Theil des Epos, die historische Nachricht von dem Unter- gange des burgundischen Königsgeschlechts, und die Sage von Etzels Ermordung durch Hildico vermischt. Etzel erscheint nämlich selbst am Rhein und wirbt um Chriemhilds Hand. Nach heftigem Widerstreben nimmt sie die Werbung an, da ihr plötzlich der Rachegedanke in der Seele aufsteigt, und sogleich lässt sie sich auch von Etzel die Zusicherung geben, die Rache für sie auszuführen. In seinem Lager erscheinen ihre Verwandten zum Hochzeitsfeste; dort werden sie in der Nacht überfallen und erschlagen. Auch Brunhild ist mit ihrem Sohne anwesend; sie wird gefangen, weiss aber der Rache sich zu entziehen und stürzt sich mit ihrem Sohne in den Rhein. Gerade die am meisten tragische Figur Rüdigers tritt durch die Selbstwerbung Etzels und das rasche Ende der Burgunden ganz zurück. Dennoch lässt Raupach ihn mit Dietrich bei der Entscheidung noch mitwirken; beide Helden sind aber ganz um ihre Bedeutung gebracht und könnten ebensowohl ganz fehlen. Etzel wird zuletzt von Chriemhild erdolcht, und diese dafür von den Hunnen erschlagen.

In ihren Einzelheiten hat Raupach's Tragödie nichts Eigenartiges. Die Charakteristik ist im Ganzen matt; Siegfrieds Auftreten ist eigentlich burschikos und seine Reden sind nicht immer fein. ¹)

Im Gegensatze zu Raupach hat Reinald Reimar in seinem Trauerspiel:»Chriemhildens Rache« sich mit minutiöser Genauigkeit an den Gang des Epos zu halten gesucht, sogar bis in die nebensächlichen Dinge und untergeordneten Züge. Dadurch war er genöthigt, einzelne Stücke herauszuschneiden und das Fehlende im Dialog referirend nachzuholen. Im Ersteren ist er nicht glücklich gewesen, denn er hat gerade Wirksames, wie Rüdigers Abschied und Hildebrands Zorn, ausgelassen; und das Letztere wirkt störend, da es sich zu breit macht und den Fortgang der Handlung hemmt. Doch macht das Ganze einen wohlthuenden Eindruck; der Dialog ist meist fein und edel gehalten, wenn auch die Reflexionen nicht selten, besonders im Anfange, trivial sind. Die Recken erscheinen anfangs als ehrsame Familienväter und ihre Begegnung ist bürgerlich; später beweisen sie sich als tapfere Ritter. Der Schluss ist freilich ganz verfehlt, da Alles hinter der Scene vorgeht. Am besten ist Chriemhild geschildert als das Weib, das von seiner Leidenschaft völlig beherrscht ist, sobald der Hass in seiner Seele Einzug gehalten hat; das ist auch wohl ein psychologischer Grundzug des Epos., Auch ihr eindringendes Anliegen an Rüdiger, den Kampf zu bestehen, bis zur Mahnung an seinen geschworenen Eid, welcher er ohne Klage und Widerwort weicht, ist gut wiedergegeben. Hagen erscheint ihr gegenüber als ein gemeiner Scherge, der ohne eigne Leidenschaft nur im Gehorsam gegen seinen Brodherrn mordet.

Die weitaus gefeiertste von allen Bearbeitungen sind die Nibelungen von Fr. Hebbel.

¹) Goedeke's Urtheil(III, 543) ist gewiss richtig; die Einzelheiten, besonders Brunhilds Tod, sind falsch aufgefasst.