42.
wird besonders getragen durch Siglinde, Rüdigers Tochter und Giselhers Braut. Sie ist wohl am besten gezeichnet; sie vereinigt jungfräuliche Zartheit mit einem starken Geiste, der nicht bebt. Im III. Theile verfällt sie in Wahnsinn, als sie das Schreckliche vernimmt, und so er- scheint sie wiederholt unter den Streitenden. Ihr Wahnsinn ist zwar rührend und appellirt an ein Mitleid, das aber sicherlich mit dem tragischen Mitleid nur wenig Verwandtes hat;(eine Anlehung an Shakespeare scheint mehrfach angedeutet).
Eine ganz einzigartige Erscheinung ist» Chriemhildens Rache« von C. F. Eichhorn, so einzig, dass es schwer sein dürfte in der dramatischen Litteratur etwas aufzufinden, was sich dieser an die Seite stellen liesse. Im Verlaufe des Stückes ertönt zwölf Mal das Rollen des Donners; ausserdem wirken mit an verschiedenen Stellen: ein Sturm auf dem Rhein; Finsterniss; Erdbeben; Blitz; ein Berg, welcher versinkt und einen Schlund offen lässt, aus welchem Rauch aufsteigt; ein Komet; eine Feuerkugel; Irrlichter; die Geister Siegfrieds, Brunhilds, Utes und Anderer.»Das Schicksal ist gerecht«, lautet das Thema, und dasselbe vollzieht sich in schreck- lichster Weise an Hagen; denn die Schrecken seines Gewisseus bringen ihn so sehr um seine Ruhe und ertödten in ihm so sehr alles Gefühl, dass das Drama den Namen»der rasende Hagen« verdiente. In diesem Eingreifen der göttlichen Strafgerechtigkeit beruht der treibende Factor der ganzen Handlung. Darum wird auch viel gebetet: aber die Gebete sind theils ganz inhaltslos, theils sind sie vollkommene Blasphemie; nicht selten mischt sich in die Anrufung des „»Jehovahz die ganze griechische Mythologie. Nicht geringer an Zahl, wie die Gebete, sind die Lieder; von dieser Poesie nur eine Probe: ein Jungfrauenchor singt von dem sterbenden Sigmund: »Der Tod hat ihn entführt, der Tod hat ihn entführt mit schnellen Schwingen! mit schnellen Schwingen! o Tod! die Unschuld, ach, die Unschuld! das Unglück, ach das Unglück! Menschen, ach Menschen! Gott! ach! ach, der Gerechte! ach, der Gerechte! vom Tod entrissen, der Erd' entrissen, der Erd' entrissen! ach der Gerechte! der Gerechte, der Gerechte!«— Ein grosser Theil der Scenen spielt in Kirchen, so der ganze IV. Act.»Von der Hölle gepeitscht« kommt Hagen zu Siegfrieds Leiche und stampft mit einer Keule den Boden. Nach einem langen Monolog(welcher der»Glockes« nachgebildet ist),»schlägt er mit der Keule gegen das Gitter, rüttelt daran, stösst schliesslich mit dem Kopfe dawider, bald an dieser, bald an jener Seite«; dem entsprechend sind auch seine Reden; er ist schon kein Mensch mehr, sondern ein rasendes Thier. Da tritt Brunhild in die Kirche. Sie trägt einen Dolch in der Hand, denn sie glaubt, Siegfried lebe noch; ihn will sie tödten und später auch»den schwachen Hagen« ermorden. Da erblickt Hagen sie; er schleudert sie zu Boden, und nach Scenen, welcher jeder Beschreibung spotten, stösst er sie in die Gruft, in welcher Siegfrieds Leiche bestattet werden soll, stürzt einen schweren Marmorblock auf sie hinunter und ruft der Sterbenden nach:»so ende du, verstocktes Laster!«— Nur der V. Act verdient den Titel: Chriemhildens Rache, denn er um- fasst sämmtliche Vorgänge an Etzels Hofe. Nunmehr wird es aber ganz unmöglich, den Ge- dankensprüngen des Dichters zu folgen. Chriemhild ist schon im IV. Act wahnsinnig; früher war sie stets begleitet von einer griechischen Hofmeisterin, jetzt erscheint sie nur noch mit einer Urne, welche Siegfrieds Asche enthält(welche übrigens auch Müller schon kennt).— Rüdigers Schwur, den er Chriemhild leistete, ist nicht erwähnt; dennoch muss er zwar den Kampf gegen seine Freunde bestehen, aber zweimal betheuert er seine Unschuld:
ich schwöre beim heiligen Gott, der ganz mein Wesen erforscht hat, dass unschuldig ich handle und sterbe! o Gnade mir, Gnade!
Was aus Günther und Hagen wird, bleibt unaufgeklärt; es scheint, dass schliesslich sich Alles versöhnt.


