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man fast den Eindruck einer Parodie bekommt. So ersticht Hildebrand zuletzt die Königin, indem er sagt:
Ha! seht die wilden Gräu'l da um euch her, Da drinnen(?) ist es noch weit schrecklicher!
Bedeutend höher steht Müller's: Chriemhilds Rache(Trauerspiel in drei Abtheilungen). Der Gesammteindruck wird dadurch ein ganz anderer, dass Müller den Chor eingeführt hat. Dessen Auftreten rechtfertigt er zwar mit Berufung auf Schiller's Braut von Messina; aber der Tadel, welchen er über Schiller's Chöre ausspricht, dass dieselben nämlich» in patheiischer Zweiheit« sich trennten, trifft ihn selbst, insofern sein Chor ganz und gar willenlos und wider- standslos sich von Chriemhild als Werkzeug ihrer Pläne benutzen lässt, trotzdem er von ihren mörderischen Absichten unterrichtet ist. Die vielen Chorgesänge geben dem Ganzen einen lyrischen Anstrich; die Reflexion überwiegt so sehr, dass die Handlung so weit wie möglich zurücktritt. Schon hierdurch ist bedingt, dass Müller den Stoff überaus frei behandeln musste; er geht aber noch weiter und nimmt eigentlich nur den Rahmen aus dem Epos: die Füllung hat er aber fast gänzlich umgedichtet.
Chriemhild lebt bei Etzel nur als dessen Braut; nur angedeutet ist, dass die Brüder gekommen sind, um die feierliche Hochzeit mit zu begehen. Etzel spielt ihr gegenüber eine hässliche Rolle; Chriemhild hat aber geschworen, nie Etzels Weib zu werden»von jetzt bis in Ewigkeit«, denn sie empfindet einen Ekel vor ihm, der sich nur in die stärksten Ausdrücke fassen lässt. Dennoch heuchelt sie ihm ein Entgegenkommen, und ihre dämonische Treulosigkeit erscheint hierin fast noch grösser, als ihr Rachedurst.— Die Handlung umfasst nur den kurzen Zeitraum von der Absperrung der Burgunden im Saale bis zum Ende des Kampfes, also gerade das Stück, welches sich für die Bühne am allerwenigsten eignet. Das stellt sich denn auch bald heraus. Die Hauptfigur im I. und II. Theile(der Schwur— Rüdiger) ist Rüdiger. Etzel dringt in ihn, den Kampf zu bestehen; als Rüdiger sich standhaft weigert, droht Etzel nicht blos, sondern in einer grossen Gerichtsscene(welche Müller für das Gelungenste hält) wird Rüdiger des verweigerten Gehorsams und des Verraths angeklagt und ins Gefängniss geführt. Dort besucht Chriemhild ihn; doch auch die Mahnung an den geschworenen Eid vermag nicht ihn zu rühren. Erst ihren schmeichelnden Bitten gibt er nach, und merkwürdigerweise, als ihm gemeldet wird, seine Mannen seien über seine Gefangenschaft in Aufruhr, da ist er zum Kampfe bereit. Durch das Loos haben die Burgunden seinen Gegner bestimmt und dasselbe hat Giselher getroffen; Beide kümpfen und schlagen sich gegenseitig die Todeswunde.
Der III. Theil ist unzweifelhaft der schwächste. Nicht nur, dass Günther auf Hagen die entsetzlichsten Vorwürfe wegen Siegfrieds Tod häuft, auch in Hagen regt sich das Gewissen; es»will ihm dünken droben herrsch' ein Gott«;»er könnte beten, hätt' ers nicht verlernt.« Doch unvermittelt sehen wir gleich darauf diesen Zwiespalt ausgeglichen. Nachdem Günther von Dietrich erschlagen ist, wird Hagen gefesselt vor Chriemhild geführt. Da er erklärt, Siegfried erschlagen zu haben,»weil er Günthers edles Weib verhöhnte,« und über den Schatz die Aus- kuuft gibt, dass derselbe im Rhein versenkt liege, ersticht ihn die Königin. Darauf dankt sie Allen, dass sie ihr zur Erreichung ihrer Rache Beistand geleistet hätten, und stürzt sich selbst ins Schwert.
So ist durchweg weder die Charakteristik noch die dramatische Entwicklung eine irgend befriedigende; die Haltung indessen wie die Sprache ist fast überall edel und würdig. Das religiöse Element tritt wenig hervor; im Hintergrunde ruht aber ein schroffer Gegensatz zwischen Hunnen und Christen; selbst Siegfried gilt als Vorkämpfer des Christenthums, der Etzels Reich bedroht haben würde, wenn nicht Hagens Hand ihn erschlagen hätte.— Das lyrische Element
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