Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

40 Sigurdrifa III). Nichtsdestoweniger ist eine Reihe von Zügen in der Ausführung offenbar den Nibelungen entliehen, doch nicht so, dass die Entlehnung deutlich zu sehen würe. ¹)

Nach diesen Vorläufern ist die erste Bearbeitung, welche im Wesentlichen dem Gange des Epos folgt, die von F. R. Hermann; an äusserem Umfang wird sie nur von der Hebbel'schen übertroffen.

Mit Hermann dürfen wir darum nicht scharf rechten, weil er sich einer Verantwort- lichkeit gegenüber dem Stoffe nicht bewusst gewesen ist. Nur unter dieser Voraussetzung ist es zu erklären, dass er Brunhilde auf dem Drachenstein von Siegfried erlösen lässt; dass er eben- daselbst, gleich nach Bewältigung des Drachen, den zweifachen Kampf mit Brunhilde(den zu Island und den zu Worms) in einen einzigen zusammenwirft; dass er durch Beides, den»Zauber- mantel« und den Gestaltentausch, Siegfried in Günthers Gestalt erscheinen lässt. Im II. und III. Theile folgt er im Ganzen dem Liede; im Einzelnen verfährt er durchaus willkürlich. So wechseln die Bezeichnungen Franken und Burgunden regellos; Worms bezeichnet er wiederholt ausdrücklich als Nibelungenland. Anderes Unerlässliche wird nur beiläufig erwähnt; der Schwur Rüdiger's und die ganze Brautwerbung kommt erst spät gelegentlich zum Vorschein; gegen Ortliebs Ermordung scheint sein Gefühl sich gesträubt zu haben. Doch scheint er in der nordischen Sage nicht ganz unbewandert gewesen zu sein; denn der Schluss des I. Theiles enthält eine schwache Nachdichtung von Gripirs Weissagung; Brunhild ersticht sich mit Siegfrieds Schwert, als sie dessen Tod vernommen hatte, wiewohl sie die Haupturheberin gewesen ist; Günther wird zuletzt in den Schlangenthurm geworfen.

Echt-romantisch streiten sich in Siegfried Fatalismus und sentimentales Christenthum. Er weiss, was man gegen ihn plant. Seine Schuld ist zwar zugestanden, denn seine Eide, die er Brunhild schwur, hat er gebrochen. Er sagt ihr selbst:»wie unser Bündniss leicht nur war gebunden, so hat es sich gelöst«; er sei»des Herzens stillem Neigen gefolgt, und froh bin ich, nicht Reue fühl' ich regen, und kann mein Weib mit ganzer Seele hegen.« Dennoch sieht er nur»ein Schicksal an dem Wege seines Lebens lauern;« das ist aber auch nur eine Prüfung, wie er Chriemhild versichert;»so lass die Prüfung muthig uns bestehn; und müssen wir den Kelch des Leidens trinken, soll uns des Glaubens hoher Muth nicht sinken, denn Er lässt ihn zur Zeit vorübergehn.«

Hagen ist eine überaus rohe Natur. Der einzige Zug, der uns mit seinem Charakter halbwegs versöhnt, die Anhänglichkeit an seinen Herrn, ist verwischt, Günther ist ein Spielball in seiner Hand. Im Einverständnisse mit ihm stellt Brunhild eine Hamlet'sche Pantomime an, durch welche Günther so in Wuth geräth, dass er zu Siegfried's Ermordung seine Zustimmung gibt; da regt sich in den Beiden eine kleine Gaunerfreude ob des gelungenen Streiches. Aber am Schlusse wird Hagen doch von dem Gewissen erfasst. Als beim letzten Kirchgange der Priester das Weihwasser über die Menge spendet, trifft Hagen auch nicht ein Tropfen. Da wird er»mit Flammengeisseln« aus dem Heiligthum gejagt:»ach mir ist wohl, mir Fluchbeladenen, der Segnung heil'ges Wasser stets versagt; zur Hölle Feu'r, das mir im Busen flammt, bin Sünder ich wohl rettungslos verdammt.«

Aehnlich sind die anderen Figuren gezeichnet; Geistererscheinungen und Visionen fehlen nicht; auch der Andwaranaut kommt zur Verwendung. Im Uebrigen trägt das Ganze das Gepräge einer romantischen Wiederbelebung des mittelalterlichen Ritterthums. Die Ausführung ist ohne psychologische Verkniipfung und wird gegen den Schluss immer zerrissener, so dass

¹) Man vergleiche Heine's Urtheil VI, 245.