39 Kunsturtheils verantworten. Wir machen hier von unserem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, wenn wir die neueren Umdichtungen nach der Pietät fragen, mit welcher sie ihres Schatz- hüteramtes über den alten Stoff walteten, und sie für Willkür und Gewaltthat verant- wortlich machen.
Wenn auch Hans Sachsens siebenactige Tragödie: Der hörnen Sewfriedt(1557) zu seinen rohesten dramatischen Arbeiten gehört, so dürfen wir an derselben als einem einzig dastehenden Denkmal der fortlebenden Sage nicht theilnahmlos vorübergehen. Seine Quellen wissen wir nicht genau zu bezeichnen; doch war seine Hauptquelle ohne Zweifel ein Siegfrieds- lied, dessen Inhalt aber den Nibelungen bedeutend näher gestanden haben muss, als die uns bekannten Siegfriedslieder. Er behandelt Siegfrieds Leben von seinem Abschiede aus dem Eltern- hause bis zu seinem Tode. Die einzelnen Acte hängen nur lose zusammen; von einer Motivirung muss ganz abgesehen werden. Merkwürdiger Weise trifft Sachs schon die Absichten der Roman- tiker ganz und gar. Denn als Siegfried die Chriemhild befreit hat, fragt er plötzlich den Zwerg Eugelein, welcher der Sternkunde mächtig ist, was über seine Lebensdauer und sein Ende in den Sternen geschrieben stände. Eugelein offenbart ihm: er werde acht Jahre der Gemal Chriemhild's sein:»nach dem wirst du im schlaff erstochen; doch das auch entlich wird gerochen an den untrewen Mördern dein.« Siegfried ist ganz resignirt und spricht:»nun was Gott wil das selb muss sein.« Bemerkenswerth ist besonders die Darstellung seines Todes. Die nordische und die deutsche Sage sind hier vereinigt: er»spaciert« um Mittag in den Wald,»legt sich zu einem Brunnen kaldt ius grass und wolschmeckenden blummen thut darinn ein weng schlafen vnn schlummen.« Da kommen seine drei»Brüder« Günther, Gernet und Hagon ¹) herbei:»die zwene deuten auff Sewfrieden, Hagen schleicht hinzu, sticht im den Dolch zwischen sein schultern, würfft den Dolch hin, Sewfriedt zabelt ein wenig, ligt darnach still, Hagon spricht: Nun hat auch ein endt dein hochmut der uns fort nit mehr irren thut etc.« Sachs kennt auch die Rache; als Chriemhild ihren todten Gemal findet, da gelobt sie:»solt ich drumb sterben so müssens auch am schwerdt verderben.« Von Chriemhild hält er aber auch nichts Gutes; in dem Beschluss nennt er sie»ein weib das der fürwitz treib zu manchem hochmütigen stück der kombt vil unrahts auf den rück«; und ihre Brüder sind»ein dückisch Geschlecht vol neidt und hass.« Den Hort kennt die Tragödie nicht, ²) bei der Berathung der Brüder über Siegfried's Mord spricht sich nur der Hass und Neid aus.
Den ersten Versuch einer dramatischen Bearbeitung von Siegfrieds Jugend machte nach Haus Sachs de la Motte-Fouqué. Derselbe ist überschrieben:»Der gehörnte Siegfried in der Schmiede« und abgedruckt in Fr. Schlegel's Europa(Bd. II 1803, 2. Stück, Seite 82— 87). Zwar war dieser Versuch völlig bedeutungslos; den Gedanken liess Fouqué aber nicht fallen, sondern lieferte 1808 eine umfassende dramatische Arbeit unter dem Titel:»Sigurd, der Schlangentödter. Ein Heldenspiel in sechs Abentheuren.« Die letzte Bezeichnung soll wohl angeben, dass das Ganze kein geschlossenes Drama sein soll. Im Ganzen sind die Bilder recht lebendig und die Figuren kräftig gezeichnet; am wenigsten ist Brunhild's Charakter getroffen; er ist nicht frei von groben Widersprüchen. Die vielfach eingestreuten lyrischen Strophen geben dem Ganzen einen etwas opernhaften Anstrich, der sich gegen den Schluss steigert. Von Einzelheiten dürfen wir absehen, da seine Quelle fast ausschliesslich die Edda ist(besonders Gripispa, Scalda und
¹) Die Schreibweise, besonders der Namen, ist bei Sachs ausserordentlich regellos. ²) Auch im Siegfriedsliede ist der Schatz ursprünglich nicht enthalten; wenn von ihm die Rede ist, tritt jedesmal Verwirrung ein.


