38 in eine Lage gerathen, welche unsere tiefste Sympathie erregt. Er ist vor die Entscheidung gestellt zwischen zwei Wegen, von denen jeder ihn in die schwere Schuld eines Wort- und Treubruches verstrickt und unfehlbar seinen Untergang herbeiführt. Unsere Spannung, welchen er wählen werde, ist eine geringe, da wir jede Hoffnung auf seine Erhaltung aufgeben müssen. So wäühlt er denn auch zwischen den beiden Uebeln das, welches ihm das kleinere dünkt. Es steht nicht in seiner Macht, diesen Bann zu zerreissen, darum ist er resignirt, nicht handelnd. Aber gerade im Gegensatze zu der mehr passiven Natur des epischen Helden erwarten wir von dem Helden des Drama, dass er überall handelnd auftrete, und zwar handelnd aus ganz bewusster Leidenschaft, und nach ganz bestimmten Plänen und Absichten. ¹) Stünde der Conflict 80, dass Rüdiger zu wählen hätte zwischen der Treue, die er den Gastfreunden schuldig ist und die als treibende Gewalt in ihm liegt, und ausser ihm stünde das Machtgebot eines unerbittlichen Lehnsherrn, er würde gewiss nicht zweifelhaft sein, welchem Gebote er Folge zu leisten hätte. Fände er dann seinen Tod durch Etzel, dann wäre er in der That ein tragischer Held. Nun aber gesellt sich zu der treibenden Macht ausser ihm(welche aber in dem Liede ihres Gewichts beraubt ist, da sie nur als dringende Bitte auftritt), der zweite sittliche Factor in ihm, der unglückselige Eid, welchen er der Chriemhild schwur: nun wird der Conflict ein anderer. Er schwankt nicht mehr zwischen dem ewigen Gesetze der Gastfreundschaft und dem Gehorsam gegen seinen zeitlichen Herrn, dessen Dienst er jeder Zeit abwerfen kann, sondern er schwankt zwischen der Verletzung der Gastfreundschaft und des vor Gott geschworenen Eides; nun ist seine Wahl unzweifelhaft. Das Tragische, welches lierin liegt, ist ergreifend, aber es ist echt episch, nicht im Sinne der Tragödie. Wir fühlen uns von tiefstem Mitleid ergriffen, aber wir können uns nicht begeistern für eine That, in welcher seine ganze sittliche Kraft sich gezeigt hätte, und wäre sie auch ohne Erfolg geblieben. Er kämpft, aber nicht mehr, um seine sittliche Entscheidung nun auch in die That umzusetzen, und gälte es auch, dieselbe mit dem Tod zu besiegeln, sondern er kämpft, um den Tod zu suchen, da das Leben nunmehr für ihn werthlos geworden ist. Dieses freiwillige Aufsuchen des Todes ist nichts weniger als christlich, ebensowenig wie die Treue, welche der geschworene Eid unerbittlich fordert, spezifisch christlich genannt werden darf.
VI. Die alte Nibelungensage und ihre moderne Weiterentwicklung.
Die Nibelungensage ist im Gedächtnisse des Volkes erloschen. Sie lebt nicht mehr mit dem Volke. Darum erhält sie auch von dieser Seite keine Nahrung mehr. Wenn wir also von einer Weiterentwicklung der Sage in neuer Zeit reden, so können wir dieselbe nur im Kreise der Kunstdichtung suchen, seitdem dieselbe des alten Stoffes sich bemächtigt hat. Eine innere Nothwendigkeit der Umbildung besteht also nicht, denn die Wurzel ist abgestorben; die Neu- gestaltungen sind ausgegangen von einzelnen Dichtern, welche solche Aenderungen, theils aus ästhetischen, theils aus technischen Gründen, für nöthig hielten. Ob ihre Schöpfungen den Anforderungen des Kunstgeschmaekes entsprechen, darüber mögen sie sich vor dem Forum des
*) cfr. Hettner, D. rom. Schule etc. 125.


