Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Zunächst würde von einer solchen Umwandlung die Fabel ergriffen. Sicherlich steht dem dramatischen Dichter die Freiheit zu, innerhalb gewisser Grenzen über den Stoff frei zu schalten. Es ist ihm gestattet, die Aufeinanderfolge der Ereignisse zu ändern; es steht ihm frei, Einzelnes auszudehnen, zu mildern oder ganz wegzulassen; wir wollen ihm auch die Be- rechtigung nicht absprechen, einzelne Scenen hinzu zu dichten. Aber wo ist die Grenze? Wir wollen uns hier mit der Antwort begnügen: die Grenze sei da, wo das innerste Wesen der Fabel von der Willkür des Dichters durchkreuzt würde. Rüdiger muss im Kampfe fallen; Chriemhield muss von Hildebrandt erschlagen werden.

Dagegen bleiben die Charaktere der Hauptpersonen dem Dichter unantastbar. Keine von ihnen verträgt es in das Gewand des mittelalterlichen Ritterthums gekleidet zu werden; ihre Worte entsprechen demselben ebensowenig, wie ihr Thun. Was bleibt vom Drachentödter übrig, wenn an seine Stelle ein christlich denkender und redender und in sein Schicksal christlich ergebener Ritter tritt? oder was wird aus Hagen, wenn sein christlich geartetes Gewissen ihn in die heftigsten Gemüthswallungen bringt, so dass er anfängt zu fluchen und zu beten? oder wie verträgt sich in Chriemhild eine christliche Gesinnung mit dem plindwüthenden unersätt- lichen Rachedurst?

Wir können darum den Charakteren der handelnden Personen unmöglich gerecht werden, wenn wir ihre dämonische Abkunft und Sinnesart vergessen und sie in die Sphäre des allgemein Menschlichen herabsetzen. Aber wenn wir auch von dieser Vorbedingung absehen könnten, über eine Forderung einer jeden Tragödie kommen wir nicht hinaus, nämlich die eines sitt- lichen Conflicts. Bei Siegfried suchen wir denselben vergebens. Wenn wir auch anerkennen, dass er früher der Brunhild Eide schwur und dieselben brach(von denen jedoch die Nibelungen nichts wissen); wenn wir auch in der zwiefachen Bewältigung der gewaltigen Frau ihm den zwiefachen Betrug als Schuld anrechnen wollen; wenn es auch eine Schwachheit war, dass er seiner Frau Mittheilung von dem Vorgefallenen machte, so bleibt sein Tod dennoch ein Meuchel- mord, der uns zwar mit Abscheu, aber nicht mit tragischem Mitleid erfüllt.

Bei Chriemhild kann von einein sittlichen Conflicte noch weniger die Rede sein, denn ihre Niflungennatur ist keine andere, wie die Hagens und Günthers. Sie liegt zwar tief ver- steckt unter ihrer Jungfräulichkeit und ihrer späteren vollendeten Hlingebung an ihren Gemal. Aber schon im Streite mit Brunhild zeigt sich ihre dämonische Natur. Sie sagt wissentlich die Unwahrheit, um Brunhild zu kränken und zu reizen(783). Siegfried ist bereit, mit einem Eide zu bekräftigen, dass Chriemhild sich fälschlich auf ihn berufen habe(801), und die spätere Eutschuldigung Chriemhilds(S36 37) klingt wie ein halbes Zugeständniss. Mit dem Rache- gedanken erwacht auch ihre eigentliche Natur, nachdem sie ihre Trauer um Siegfried soweit überwunden hat. Doch auch die Rache des Gemals tritt immer mehr zurück, und die schranken- lose Leidenschaft beherrscht sie, welche ohne Ende und Grenze wüthet, bis Alles in Trümmer zusammenstürzt und sie selbst unter ihnen begraben liegt. Nirgends sehen wir bei ihr ein Schwanken, oder Zaudern oder sich Besinnen, und diese Rachelust wird noch unheimlicher dadurch, dass sie sich klug zu verbergen sucht und ihre Absichten nur gelegentlich, fast gegen ihren Willen verräth. Das Bild der trauernden Chriemhild muss Mitleid erregen, wenn auch kein tragisches; aber die Furie erregt nur Entsetzen. Dieses fühlte schon»die Klage«; darum sucht sie die Leidenschaft Chriemhildens durch eine stärkere Betonung der Rachepflicht für Siegfrieds Tod zu mildern.

Dagegen scheint Rüdiger eine echt-tragische Person zu sein. Er, die edelste Erscheinung des ganzen Liedes ist frei von zedem Schatten. Hoch geehrt von beiden Parteien sehen wir ihn