Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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36 Unmöglichkeit liegt auf der Hand. Die Situationen, welche das Epos enthält, lassen sich auf der Bühne nicht wiedergeben. Schon die mehr idyllischen Scenen im I. Theile(wie z. B. die erste Begegnung Siegfrieds und Chriemhildens) widerstreben dem Drama, da der Effect mehr auf der Zeichnung der Situation als auf der Handlung beruht. Schon ganz unmöglich ist die dramatische Wiedergabe des nächtlichen Kampfes, des Todes Siegfrieds und Chriemhildens erschüttender Trauer.

Im II. Theile, welcher die grössere dramatische Anlage zu haben scheint, sind die Bilder so grossartig, dass keine Bühne dieselben zu fassen vermag. Und wenn auch eine Beschränkung möglich wäre, ohne die Grossartigkeit zu schädigen, so bliebe doch die Handlung so grässlich, dass unser sittliches Gefühl sich mit Abscheu von ihnen wenden würde; die Phantasie findet sich zurecht mit diesen Gräuelscenen und verträgt sie, aber das Auge mag sie auf der Bühne nicht schauen. Andererseits ragen die Charaktere so weit über alles Menschliche und Dar- stellbare hinaus, dass schon die unerlässlichen Anforderungen an die äussere Erscheinung eines Vertreters unerfüllbar werden, sobald man dem Bilde der Phantasie nur einigermassen gerecht werden will.(Von den Lesedramen aus der Zeit der Romantik sehen wir dabei ab.) Auch die Möglichkeit zugegeben, es fänden sich Vertreter der einzelnen Rollen, deren äussere Erscheinung den Anforderungen hinreichend entspräche: welche Individualität eines Schauspielers wäre im Stande, das Bild des grimmen Hagen bis zum Ende mit allen Steigerungen festzuhalten oder gar die ganze Skala der Leidenschaften in der Seele Chriemhildens wieder zu geben? Hier liegt die Beschränkung des Drama; das Epos operirt mit viel weiter greifenden Mitteln; in wie viel- fachen Wendungen und Beziehungen kann es einen Charakter entwickeln, ohne denselben an eine greifbare Persönlichkeit zu binden! wie weise unterlassen darum die Nibelungen eine aus- führliche Beschreibung der Personen!

Hier ist also eine Reduction geboten. Soll dieselbe vorgenommen werden an den Personen oder an den Handlungen? oder an Beiden?

Unmöglich kann es unsere Absicht sein, hier festzustellen, wie weit sich der Dichter den Forderungen der Technik zu accommodiren habe. Wir müssen es ihm ebenso überlassen, ob er nach dem Vorbilde Göthe's und auch einiger Schiller'schen Dramen(Carlos und Tell) die psychologische Entwicklung in den Vordergrund stellen will, oder ob er dem strengen Sinne des Drama folgend den höchsten Zweck der Tragödie in der Situationszeichnung und lebhaften Ent- wicklung der Fabel sucht. In jedem von beiden Fällen wird er eine grosse Schwierigkeit im Voraus zu überwinden haben, indem er die heidnische Grundstimmung des Epos wird ändern müssen. An den Leser des Epos wird man die berechtigte Forderung stellen dürfen, dass er sich von der Gegenwart losmacht und seine gesammte geistige Disposition umstimmt, indem er um ein volles Jahrtausend sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Das Drama redet aber zu Menschen der Gegenwart, denen man diesen Schritt nicht zumuthen kann, welche in der grossen Mehrzahl weder im Stande noch Willens sind, sich ihrer modernen Anschauungen, wenn auch nur auf einige Stunden, zu entschlagen und so dem Dichter entgegen zu kommen. Da der Berg also nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berge gehen.

Die Motive des Epos sind aber grundheidnisch, denn»in denselben ziten was der

geloube kranc«(1463); das Christenthum liefert zu dem Stoffe nur das Beiwerk. Unserem modernen Verständnisse müssen darum die Helden und Recken fremd bleiben; wir verstehen ihre innern Regungen nicht, wir fühlen nicht mit ihnen, darum können sie uns nicht in Mit- leidenschaft versetzen. Lässt sich diese heidnische Grundstimmung so umwandeln, dass sie die Empfindungen unserer Zeit abzuspiegeln vermöchte? Der Versuch ist mehrfach gemacht worden; wir werden sehen, mit welchem Glück.