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Sie hätten sich aber können warnen lassen durch die zahlreichen Stimmen, welche in älterer wie in neuerer Zeit auf diesem Gebiet, wenn auch mit Zurückhaltung sich hatten ver- nehmen lassen. Schon Friedrich Schlegel berührt diese Frage in seiner Schrift»Ueber das Studium der griechischen Poesie«, indem er sich an Schiller's Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung anschliesst:»es ist ein schönes Verdienst der neueren Poesie, dass so vieles Gute und Grosse, was in den Verfassungen, der Gesellschaft, der Schulweisheit verkannt, verdrängt und verscheucht worden war, pei ihr bald Schutz und Zuflucht, bald Pflege und Heimath fand. Hier, gleichsam an der einzig reinen Stätte in dem unheiligen Jahrhundert, legten die wenigen Edlen die Blüthe ihres höchsten Lebens, das Beste von Allem, was sie thaten, dachten, genossen und strebten, wie auf einem Altare der Menschheit nieder. Aber ist nicht ebenso oft und öfter Wahrheit und Sittlichkeit der Zweck dieser Dichter, als das Schöne?... So verwirrt sind die Grenzen der Wissenschaft und Kunst, des Wahren und des Schönen, dass sogar die Ueberzeugung von der Unwandelbarkeit jener ewigen Grenzen fast allgemein wankend geworden ist.« Den höchsten Zweck der Kunst findet er in der Darstellung des Schönen, wie die griechische Kunst unablässig nach diesem Ideale gerungen habe.»Darum ist auf der Höhe der vollendeten tragischen Kunst der Gipfel der höchsten Schönheit erreicht worden;«»also ist die hellenische Poesie die ewige Naturgeschichte des Schönen und der Kunst.« Von diesem gewonnenen Resultat aus zeigt er dann, wie fehlerhaft die Ritter- und Heldengeschichten des Mittelalters von den Neueren bearbeitet seien, und wir fragen: hat der Nibelungenstoff bei aller psychologischen Wahrheit irgend eine Seite, welcher sich ein Eindruck der künstlerischen Schönheit, d. h. der vollendeten Harmonie abgewinnen liesse? Hat nicht gerade an diesem Stoffe zuerst die Wissen- schaft ihre Kraft der Neubelebung bewiesen? und sind nicht bei den Bearbeitern die Grenzen des wissenschaftlichen und des künstlerischen Interesses augenscheinlich ineinander geflossen?
Der Bruder A. W. von Schlegel urtheilt nicht anders. 1) Nachdem er von den Be- strebungen der Romautiker um Einführung der Nibelungen geredet hat, fährt er fort:»man berieth vielfältig über die Möglichkeit und die Mittel, es(das Lied) den Zeitgenossen zugänglich zu machen. Wenn mau sich selbst den Weg zum Verständnisse hat bahnen müssen durch Schwierigkeiten, die auf keine Weise erleichtert wurden, so hat man Mühe den Gedanken fallen zu lassen, als sei eine erneuernde Umarbeitung zur allgemeinen Verständlichkeit und Geniess- barkeit des veralteten Werkes unentbehrlich.« Die vielen Versuche, die man gemacht habe, seien aber verworfen worden; dadurch sei er zu der Ueberzeugung gekommen, dass»ohne irgend eine andere Bearbeitung, als eine kritische und auslegende, die Lesung selbst dem Ungeübtesten könne leicht gemacht werden.« In unserer neueren Litteraturgeschichte fehlt es nicht an Bemerkungen ähnlicher Art, gegen welche die Dramatiker sich verantworten zu müssen geglaubt haben. ²)
Jedoch selbst zugegeben: eine dramatische Bearbeitung der altdeutschen Sagengeschichte sei nicht im Prinzip zu verwerfen, so bleibt doch eine weitere Frage die, ob nicht in der Aus- führung Schwierigkeiten auftauchen, deren Ueberwindung an die Grenzen der Unmöglichkeit streife.
Der Dramatiker ist zunächst vor eine Alternative gestellt. Vor ihm liegt eine Dichtung, welche einestheils eine geschlossene Fabel enthält, und anderntheils die handelnden Personen in einem Lichte erscheinen lässt, dass man ihnen im Allgemeinen eine abgeschlossene Charakteristik nicht absprechen kann. Lässt sich Beides so ohne Weiteres in das Drama herübernehmen? die
¹) a. a. O. im deutschen Museum 1812. ²) Man vergleiche nur Waldmüller's Einleitung zu»Brunhild«.— Hettner: Die romantische Schule etc.
pag. 192. Gödeke a. a. O. III, 789 f.


