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der Sympatbie erregen; sie sind also tragisch im höchsten Sinne. An den Stellen, wo nur ein fernes Grollen des Donners sich in den ahnungsvollen Andeutungen des schrecklichen Endes offenbart, oder da, wo das Brausen des Sturmes sich momentan legt, stimmt sich die Empfindung zu lyrischen Ansätzen, aber sie gibt ihnen niemals nach; und da, wo die Leidenschaft auf den höchsten Grad sich erhebt, wirkt die Darstellung völlig dramatisch; aber sie geht in der Form nicht über Rede und Gegenrede hinaus und enthält sich aller dramatischen Mittel. So geht das Epos bis dicht an die Grenze der Lyrik wie des Dramas, aber es überschreitet sie nicht.
Es ist wahr, das Gemälde ist düster; die einzelnen einfallenden hellen Lichter können das grausige Dunkel nur noch düsterer erscheinen lassen. Aber dürfen wir mit dem Volke rechten, wenn in seiner Phantasie wie in seiner Dichtung sich die Natur abspiegelte, in der es lebte, und wenn der Kampf der streitenden Naturkräfte unter sich, wie sein eigner Kampf mit der Natur seinem Gemüthe den Stempel eines harten und rauhen Charakters aufprägte? Können wir darum auch noch streiten, welches Colorit der Darstellung das mehr oder minder berechtigte sei? ob das träumerisch-sinnende der orientalischen Dichtung? oder das heiter-waltende der griechischen? oder das reflexionsfreie starre Handeln der deutschen? jedes ist Abdruck und Ausdruck des Volkscharakters, der in sich selbst seine Berechtigung trägt.
Lassen wir es einstweilen bei diesen allgemeinen Andeutungen über die Natur der Poesie in unserem Liede bewenden.
So viel lehrt uns seine Geschichte, dass die epische Form mit dem Stoffe von Hause aus verbunden gewesen ist. Aber die Frage bleibt offen: sind Stoff und Form so enge mit einander verwachsen, dass der erstere nicht auch eine andere Form vertrüge? Wir wollen diese Frage nicht absolut verneinen, zumal wir sehen, dass eine ganze Reihe von zum Theil namhaften Dichtern den Stoff dramatisch zu gestalten versucht haben.
Was mag sie zu der Ueberzeugung der Möglichkeit oder vielleicht gar Nothwendigkeit dieser Umgiessung geleitet haben?
Wir werden nicht irre gehen, wenn wir annehmen, dass der erste Impuls ausgegangen sei von dem eignen persönlichen Eindruck von der Grösse und Erhabenheit des Stoffes. Was in der Seele des Dichters lebendig geworden ist, das ringt auch darnach, in selbständiger Ge- staltung sich zu offenbaren. Was lag da näher, als die dramatischen Ansätze, die das Epos schon enthält, weiter auszubilden und den Gesammtstoff in einer Tragödie zusammenzufassen? Die dramatische Form bietet dazu die mannigfaltigsten Mittel, gerade die psychologische Seite des Stoffes feiner auszubilden. Auch erscheint durch den mächtig drängenden Strom des Epos die Motivirung in den einzelnen Scenen zu sehr in den Hintergrund gedrängt; die Reflexion liegt meist so nahe, dass man unwillkürlich inne hält: sollte es da dem Dichter nicht gestattet sein, dem Sinn des Lesers entgegenzukommen und durch reichere Motivirung dem Gemälde mehr Farbe zu geben? Nehmen wir an, dass zu diesem persönlichen Drange sich auch ein nationales Interesse, wie einzelne Dichter dies ausdrücklich aussprechen, gesellte, und daraus das Bestreben hervorging, von der Bühne herab, die zum ganzen Volk redet, die grosse Sage der Vergangen- heit wieder zum Gemeingut der Gegenwart zu machen. Fügen wir noch hinzu, dass die Dichter fast sämmtlich es sich augenscheinlich haben angelegen sein lassen, die Sage in ihrem grossen Umfang und in ihrem Zusammenbang mit der Geschichte zu erfassen. Diese Beweggründe sind gewiss zu billigen. Zudem sind die echt tragischen Conflicte in der Geschichte so selten, dass ein Dichter nicht leicht an einem Stoffe vorbeigeht, in welchem die Wucht des Verhängnisses so klar am Tage zu liegen scheint.


