Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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sinnen. Ohne Bedenken erkennen wir in diesem Kampfe einen Naturmythus an. Unser Epos hat aber diese Züge bis auf wenige Spuren verwischt; besonders spielt noch die häufige Bezeichnung der Sonnenwende(32. 678. 1352. 1424. 1754. 2023 etc.) als Zeit der Krisen auf den verblassten Naturmythus an. Im Ganzen sind die handelnden Personen also Menschen geworden; ihr Fühlen, Denken und Handeln ist zwar menschlich, aber ihre Leidenschaften sind noch dämonischen Ursprungs. Es ist zwar nicht mehr die blinde Leidenschaft der nordischen Menschheit, sondern dieselbe ist mit sittlichem Bewusstsein, oder doch mit einer ahnungsvollen Gewissensregung, der Gehorsam vor ererbten Naturgesetzen ist mit idealen PHlichtbegriffen versetzt. ¹1) Trotzdem stehen sie aber noch nicht über der Leidenschaft, sondern sie folgen der Gewalt höherer Natur- mächte. Ihr Wille ist noch nicht frei, sondern sie gehorchen den Impulsen ihrer dämonischen Naturen, und ihr Handeln ist auch da, wo sie einzugreifen scheinen, doch nur ein scheinbar freies. Damit wird die Frage nach den Hauptpersonen eigentlich eine müssige; die Eine tritt nur mehr in den Vordergrund und scheint auf den Gang der Ereignisse mehr einzuwirken, als die Andere. Im Grunde sind sie alle nur Träger der einzelnen mitwirkenden Gewalten. Dennoch aber sind die einzelnen Charaktere, auch die weniger hervortretenden, so durchgebildet, dass sie mit plastischer Klarheit sich abheben; sie erlassen uns damit die Forderung, ihr Bild hier nachzuzeichnen.

Wo solche»Geister unter der leicht zu ritzenden Decke leise horchend lauern«, um durchzubrechen, sobald die Gelegenheit winkt, und Alles in verheerendem Sturme niederzuwerfen, da fehlt es nicht an Situationen, die nicht mit dem Auge geschaut und mit dem Ohr gehört, sondern nur von der Phantasie begriffen werden können. Kann die Schönheit der poetischen Beschreibung ein edleres Gewand tragen, als dort(280 ff.), wo Siegfried zum ersten Male Chriemhild erblickt? oder kann der Schmerz grossartiger sein, wie der Schmerz Chriemhildens (950. 1009)? und als die Helden im brennenden Saale von Feuer und Rauch an den Rand des Verderbens gebracht sind, da greifen sie auf Hagens Rath in ihrem grimmen Muthe zu dan letzten verzweifelten Mittel, ihr Leben zu erhalten, und trinken das Blut der Erschlagenen; kann etwas Schauerlicheres und doch auch wieder Ergreifenderes gedacht werden, als dieser letzte Schritt der Verweiflung, der aber zugleich die unbeugsame Entschlossenheit der Männer aus- drückt? An solchen Situationen ist das Lied überreich. Man hat dieses Bluttrinken, wie manches Andere, mit der Rohheit der ganzen Denkweise der Nibelungen entschuldigen wollen; aber ist das Gemüth roh, welches ein Verständniss hat für die zartesten und edelsten Regungen auf dem tiefsten Grunde des menschlichen Herzens?

Nur das Epos bietet die Möglichkeit, neben der fortlaufenden geschlossenen Handlung der Phantasie eine so schrankenlose Freiheit zu gewähren. Darum ist es auch mit dem dichtenden Gemüthe der nationalen Jugendzeit unzertrennlich verbunden. Sein Inhalt ist und bleibt darum auch ein solcher, der auf nationalem Boden einheimisch oder doch mit dem nationalen Leben innig verwachsen ist; dort blüht also das Heldenlied wie das religiöse Epos. In vollstem Maasse leistet dies das Nibelungenlied; wie seine Personen nicht der Vergänglichkeit in der Zeit unter- worfen sind, so bleibt es selbst in ewiger Jugendfrische. Es steht vor uns wie eine grosse Zeichnung, deren Alter durch keine verblassten oder gedunkelten Farben verrathen wird. Seine handelnden Personen sind Menschen in typischer Ausprägung, und ihre Leidenschaften sind die- selben, welche in gewissem Grade in jeder Menschenbrust schlummern; die entfesselte Gewalt aber und die wilde Wuth, mit der sie sich offenbaren, erschrecken ebensosehr, als sie das Gefühl

¹) cfr. Gervinus a. a. O. I, 390. Musterschule 1876. 5