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dass die mitschaffende Phantasie einen Anhaltspunkt gewinnt, aber keinen Zwang erleidet. Ebenso wird ihr in der Ausmalung der äusseren Erscheinung der Personen der weiteste Spielraum gelassen; echt episch werden dieselben Vorzugsweise vorstellbar durch den Eindruck und die Wirkung auf ihre Umgebung. Von Siegfrieds Aussehen wird nur ganz im Allgemeinen geredet (z. B. 23, 25, 31, 102, 285 etc.). Von Hagen ist nur 1672 etwas Näheres angegeben, aber auch nur in den allgemeinsten Ausdrücken. ¹) Damit wird die Vorstellung losgelöst von dem Wechsel der Zeit und des Orts; Ute bleibt»die schöne« bis zur letzten Katastrophe(1448, 1457), in demselben Sinn, wie Giselher»das Kind« heisst. So ist die Vorstellung nirgends ge- zwungen zu wechseln, und die Aufmerksamkeit pleibt ungehemmt und ungetheilt dem Gange der Ereignisse zugewandt.
Diese Dinge sind alle durchaus witwirkend in dem Gesammtbild der Eigenartigkeit des Liedes; sie bilden in demselben aber nur die äusseren Merkmale ihres Leibes; die Seele der Dichtung ist von ihnen nicht abhängig. Ihre Seele ist die poetische Idee, die so alt ist, wie das Volk, dem sie angehört; sie ist mit den Jahrhunderten gewachsen und gereift, wie das Volk selbst sich entwickelt hat, stets in engster Beziehung zur Volksseele, sogar ein Theil von ihr. Darum ist, wie ihr Anfang unseren Augen entrückt ist, auch ihr Ende mit dem Ende des Volkes unzertrennlich:»dieweil die Welt steht wird erhaben, Schlachtengebieter, stehen dein Namels Sie theilt des Volkes Schicksale; mit dem Volksbewusstsein schlummert sie ein, mit ihm erwacht sie wieder. Ihr Leib ist aber nur ihr Kleid, wie dieses nur seiner Zeit angehört und eine nur kurze Dauer beanspruchen darf, so wechselt auch die Sage das Kleid und erscheint darum zwar äusserlich in wechselvoller Gestaltung, aber ihr Innerstes ist davon unberührt. So trägt sie auch im 12. und 13. Jahrhundert der Mode ihrer Zeit Rechnung; wir dürfen das Charakteristische ihres Gewandes aus damaliger Zeit bewundern, aber dasselbe nicht zum Massstabe ihres inneren Wesens und Werthes machen.
So ist die Grundstimmung der Nibelungen. Eine klare, fast heitere Ruhe liegt über dem Ganzen ausgebreitet, und wo das Licht in der Darstellung scheinbar aufhört, da bleibt für die weiter dichtende Phantasie unendlicher Spielraum. Es entwickelt sich ein Gesammtbild der Regungen des menschlichen Herzens: von der besorgten und fürsorglichen Elternliebe, den ersten schüchternen aber unwiderstehlichen Regungen des jugendlichen Herzens, der aufopfernden Freundschaft, der zartempfindenden Geschwisterliebe, der wandellosen Vasallentreue bis zu dem reinen Bilde eines edlen Ehebündnisses; und wiederum die Nachtseite der Natur: von dem laugsam im dunkeln schleichenden Verrath bis zum grausigen Mord des edelsten Freundes, dem man den Freundschaftsbund mit Eid und Blut besiegelte; von einem Schmerze um den Verlust des Geliebtesten, der die Trauernde lautlos zu Boden wirft, und dann mit einer Gewalt sich losringt, dass die Augen statt der Thränen Blut vergiessen, so dass sogar die Schuldigen von Mitleid ergriffen werden; von den ersten leisesten Rachegedanken bis zu der Leidenschaft, die den Unschuldigen mit dem Schuldigen in niederschmetternder Gewalt vernichtet und naturnoth- wendig die Urheberin selbst mit ins Verderben reisst. Wo ist je in der Seele eines Dichters diese ganze Skala der Leidenschaft erklungen? kann ein Menschenher⸗z sie überhaupt fassen?
In diesem Strome der Leidenschaften stehen die einzelnen Personen. Die nordische Sage kennt noch ihre eigentliche Abstammung; dort streiten noch die Kinder des Lichts gegen die mächtigen Vertreter Niflheims, wo die Gewalten wohnen, die im Dunkel auf ihre Unthaten
²) Man vergleiche damit dessen spezielle Personalbeschreibung in der jüngeren, ungleich tiefer stehen- den Vilkinasage.


