Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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31 burgundische von der Vernichtung ihres Herrscherhauses durch Etzel. Auf seinem weiteren Zuge nach Süden mag das Lied sodann Dietrich und dessen Helden in seinen Kreis aufgenommen haben. ¹1) Dem Laufe der Donau folgend umfasste es noch die edle Gestalt Rüdigers und den Bischof Pilgerim von Passau und erreichte so Wien, in dessen Nähe es kurz nach 1200 seinen Abschluss gefunden haben muss.

Wer das Lied dorthin gebracht hat, ob die fahrenden Sänger aus ihren Aufzeichnungen die einzelnen Stücke lieferten, oder ob das Lied in einer schon mehr abgeschlossenen Form dorthin kam, das ist eine hochinteressante Frage der Wissenschaft; eine zweifellose Antwort haben wir aber zur Zeit noch nicht. Ebensowenig ist unsere weit dringendere Frage beantwortet, wessen Hand dem Kunstwerke die letzte Abrundung gegeben habe. Wie weit dürfen wir die Spuren seiner glättenden Hand suchen? Einen Dichter des Nibelungenliedes können wir ihn nicht nennen. Denn er hat weder die Fabel erfunden, noch hat er einem schon vorhandenen sagenhaften oder geschichtlichen Stoffe die erste poetische Form gegeben. Nur einen Ordner dürfen wir ihn aber auch nicht heissen, da er mehr als eine blosse Anordnung und Verknüpfung der einzelnen Lieder geleistet hat. ²) Er hat dem Liede eine solche Gestalt gegeben, dass es den Eindruck eines abgerundeten Kunstganzen macht, und von einer einheitlichen subjectiven Stim- mung durchweht ist. Auch hat er ihm seine völlige Unabhängigkeit gewahrt, so dass es einzig neben dem Heldenbuch, keinen fremden Mustern folgt; nirgend eine Anlehnung oder Amspielung auf eine andere fremde oder einheimische Quelle. ³) Pbensowenig tritt seine eigene Persönlichkeit irgendwie hervor; wo das»Ich« in der Rede vorkommt, ist die Wendung so allgemein oder die Reflexion so wenig subjectiv, dass der Leser sich unmittelbar selbst an die Stelle des Redenden versetzen kann. ¹) Sollten ihm einzelne kleine Widersprüche in dem Verlaufe der Fabel ent- gangen sein? Sicherlich nicht; aber mit weiser Pietät geht er über sie hinweg, denn sie stören den Eindruck des Ganzen nicht; sie sind ihm ehrwürdige Reste von den Wandlungen der Sage, die er ebensowenig antastet, wie das alterthümliche Colorit der Sprache(z. B. die vollen Formen 958, 1466, 1685, 1975; die vielfach wiederkehrende Allitteration).

Auch hier müssen wir mit Widerstreben der wissenschaftlichen Frage uns entziehen, wie weit die höfische Sitte Eingang in die Nibelungen gefunden hat in Bezug auf gesellschaft- liches Ceremoniel und höfischen Brauch, wiewohl die deutlichsten Spuren in grosser Zahl durch das ganze Lied zerstreut sind. Doch dürfte auch hier die Vermuthung sich leicht zu weit führen lassen, und Manches speziell jener Zeit zuschreiben wollen, dessen Beobachtung das feine Gefühl als unerlässlich für den edlen Umgang zu jeder Zeit gefordert hat.

Wie wenig Farbe ist verwendet, um den Eindruck der Einzelheiten des Bildes wirksam werden zu lassen! Nirgends findet sich eine ausgeführte Reflexion, kaum eine kurze Sentenz (z. B. 1618); nirgends ein ausgeführtes Bild, höchstens ein angedeuteter Vergleich(98, 285, 1579, 1883, 1938, 2171, 2210, und besonders die häufig wiederkehrende Identifikation von Volkers Schwert mit seinem Fidelbogen). Die Localbeschreibung geht allenthalben nur so weit,

¹) Wir nehmen an, dass die nordische Ueberlieferung die ältere ist. Lachmann, Anmerkungen 347, hält beide für gleich alt. Die Differenz beider Sagen deutet aber auf eine radikale Umgestaltung des zweiten Theils. Daher muss die deutsche wohl jünger sein. cfr. Haupts Zeitschrift X, 176.

²) Wir schliessen uns im Ganzen dem Urtheile Uhland's an. cfr. Schriften zu Geschichte und Sage. I, 433 ff.

³) Die einzige Stelle 334 c, die etwas Aehnliches enthalten könnte, schliessen wir hier aus.

) Auch 293 hat das Ich den schalkhaften Sinn, dass es sich unter die Augenzeugen versetzt, denen ein Austausch der unausgesprochenen Neigung entging.