Geschmack war noch unberührt geblieben von einer Lyrik, welche ihre Stimmung aus der Reflexion schöpfen musste; denn die Urquelle der Poesie war ihr noch nicht unzugänglich geworden. Sie schuf auch kein fertiges Ganze, welches sie als Eigenthum einer Generation der folgenden als unantastbare Erbschaft überliefert hatte. Ihre Poesie ist der grosse Baum, der mit seinen Wurzeln stets in demselben Grunde haftet und aus ihm seine Hauptnahrung zieht; dessen Zweige aber stets wechseln, wachsen, verdorren, und ununterbrochen aus ihrer unmittel- baren Umgebung durch die Blätter dem Ganzen neue Lebenskräfte zuführen. Wo ist die räumliche Grenze der Ausdehnung? wo ist die zeitliche Grenze der Entwicklung? Sie umspinnt das Werdende mit ihrer Phantasie, wie das spielende Kind den Gegenstand seiner Beschäftigung; sie modelt unaufhörlich an ihm, und indem sie es umgestaltet, lebt sie mit ihm. Sie gibt dem Leblosen Leben von ihrem eigenen; es empfindet wie sie, es denkt wie sie, es handelt und leidet auch wie sie. Da ist Lyrik, Epos und Drama noch ungeschieden.
So geht die naiv-dichtende Volksphantasie auf in ihrem mütterlichen Spiegelbilde der Natur; sie tändelt nicht mit ihr, sondern sie lebt in ihr; sie ist noch nicht»durchglüht und durchzittert von dem fast vor seiner Kühnheit erschreckenden Grundgedanken, dass die Natur, die räthselhafte und undurchdringliche, welche uns bald als ein furchtbar verschlingendes Un- geheuer und bald als die der Ordnung und Klarheit entgegenblühende verschleierte Vernunft erscheint, in ihrem innersten Wesen ein bewusstes und wundersam in sich verschlossenes Gemüth ist, das sich nur dem Dichter erschliesst, ein tief innerliches Herzensgeheimniss, das nur die Poesie löst.«¹) Sie braucht ihr nicht mit Herzklopfen zu nahen, um mit Neugierde und Schauer in ihren mystischen Abgrund zu blicken, sondern sie tritt fröhlich in ihr Mutterhaus und getrost, dass alle Räthsel sich von selbst lösen werden.
Mindestens ein volles Jahrtausend hat an dem Liede mitgedichtet. Noch vor der Zeit der Völkerwanderung wurde unten am Rhein bei den Franken der Zettel gespannt und die Geschichte lieferte später den Einschlag. Die Grundlage ist ein Heroenmythus, welchem ein Göttermythus entsprochen haben mag. Denn so lange ein Volk an Götter glaubt, gibt es ihnen auch Söhne und Diener, welche als menschlich-irdische Vertreter der Götter dieselben nach irgend einer Seite hin darstellen. ²) So führt der Mythus auch Siegfrieds Geschlecht auf Odin zurück. Von seiner göttlichen Abstammung haben die Nibelungen aber nur wenige Züge mehr bewahrt, besonders seine Stärke und der Besitz der Tarnkappe(die nur als Nothbehelf angesehen werden kann für die Fähigkeit, seine Gestalt zu verwandeln oder zu vertauschen). Im Uebrigen trägt sein Bild rein menschliche Züge und zwar in der edelsten Gestalt. Nach der heimischen Sage stehen ihm drei Brüder als Feinde entgegen: Högne, Gunnar und Guttorm; von dem Letzten wird Siegfried in seinem Bette mit dem Schwerte durchbohrt(Völs. S. cp. 30, 31). Wieviel von fränkischer Stammesgeschichte in die Sage aufgenommen wurde, müssen wir unerörtert lassen. ²) Auf seinem grossen Zuge durch Deutschland machte das Lied zuerst Halt am Mittel- rhein. Dort wurde im Jahre 437 Gundicarius, der Burgundenkönig, von den Hunnen besiegt und soll nach der Sage mit seinem ganzen Geschlechte von ihnen verrätherischer Weise er- mordet worden sein. Hier nahm das Lied die Namen der drei Brüder aus burgundischem Königsgeschlechte auf(Giselher kam neu hinzu), und Hagen tritt soweit zurück, dass ihn das Lied nur als Oheim der drei Könige kennt. ¹) So verbindet sich mit der fränkischen Sage die
¹) efr. Hettner, Litteratur-Geschichte des XVIII. Jahrhunderts, III, A ², 439.
¹) cfr. Uhland, Thôr 174.
³) Schon Gottsched hat Siegfried auf den austrasischen König Sigbert gedeutet.
⁴) N. N. 2160 nennt Hagen noch Gernot seinen Bruder. 1665 heisst er selbst noch künic.


