Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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(Berlin 1826) und wohl zur selben Zeit erschienen dramatische Arbeiten über die Nibelungen von Wächter und Amalie von Liebhaber. ¹) Nachgerade war man aber zu der Einsicht gekommen, dass es völlig unmöglich sei, in einem Drama von gewöhnlicher Länge den ganzen Nibelungen- inhalt psychologisch zu entwickeln. Schon C. Raupach(Der Nibelungen-Hort, Hamburg 1834) suchte den Stoff zu beschränken, freilich gewaltsam genug. In dem dritten und vierten Jahr- zehnt tritt nur noch August Kopisch mit einer»Chriemhild hervor. Einen neuen Anfang machte Reinold Reimar(Chriemhilds Rache, Hamburg 1853); darauf lieferte Fr. Hebbel in seinen»Nibelungen«(1862) den Versuch einer Gesammtdarstellung in drei selbständigen Dramen mit einem Vorspiel. Seitdem hat noch W. Hosäus ein Charakterbild der»Chriemhild«(Berlin 1865) zu zeichnen versucht. Bald schien auch der edle Rüdiger von Bechlaren alle Züge eines tragischen Helden in sich zu vereinigen; er fand seine Würdigung von W. Osterwald(Halle 1849; Leipzig 1873), von Lothar Schenck(Paderborn 1866) und neuerdings von Felix Dahn(Leipzig 1875). Schon bedenklicher war der Versuch, Brunhild als dramatischen Vorwurf zu nehmen; doch wurde auch dieses Wagniss von E. Geibel(1857) und Robert Waldmüller(1863) unter- nommen. Schliesslich werden wir nicht unterlassen dürfen, auch das Bühnenfestspiel Richard Wagner's:»Der Ring des Nibelungen«(zweite Auflage Leipzig 1873) zu beachten.

V. Die Poesie der Nibelungen, ²)

So gewiss wir des ganzen Apparates der historischen, sprachlichen und Alterthums- wissenschaft bedürfen, um Zeiten und Sitten zu überspringen, welche uns von den Nibelungen trennen, so gewiss müssen wir uns auch all dieses Hülfswerkes wieder entledigen, wenn wir zu einem ungestörten Genusse ihres Gehaltes in die Tiefe ihrer Poesie hinabsteigen wollen.

Dieselbe stammt aus einer Zeit, in welcher die Quellen von Mythus, Geschichte und Poesie sich noch nicht getrennt hatten, wo noch keine Reflexion thätig war, diese Scheidung vor- zunehmen, sondern wo die freigestaltende Phantasie und der moralisch-richtende Verstand sich gleichmässig in das Urtheil und den Genuss theilten. Sie stammt aus einer Zeit, welche sich noch nicht gewöhnt hatte, überall eine Tendenz hinein zu legen oder eine solche herauszuwittern; dagegen war das ahnungsvolle Verständniss des tiefen Zusammenhangs zwischen der Menschen- welt und der übrigen Schöpfung noch Gemeingut geblieben, und die elementaren Gewalten der Natur durchzogen auch noch das Menschenherz. Sie brauchte sich noch nicht auf dem Wege des»Anempfindens« in ein scheinbares Verständniss dieses Zusammenhangs zu versetzen, noch auf dem Wege einer wissenschaftlichen Erforschung das Verlorne zu retten suchen. Sie verband mit dem Verständnisse der Natur auch die Liebe zu ihr, welche Bewunderung empfand vor dem Grossen und mit verwandtschaftlicher Neigung zu dem Kleinen sich gezogen fühlte. Ihr

*) Die drei letzten Dramen sind dem Verfasser trotz weitläufiger Nachforschungen nicht mehr zugänglich geworden.

²) Es kann unsere Absicht nicht sein, in dem engen Rahmen eines einzelnen Capitels diese Frage bis in alle Einzelheiten zu erörtern. Wir verweisen auf die Schriften von L. Bauer, Timm und H. Wislicenus.