Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Blüthezeit des Mittelalters auszubauen und zu restauriren, fügte die Wissenschaft auch die Werk- stücke der alten Poesie wieder verständnissvoll zusammen. Beides sah man an als eine nationale Pflicht: vor Beidem staunte das Verständniss, je mehr es die Grundidee erfasste. Die Schwester- künste, Skulptur, Malerei und Musik fanden sich dazu, und vereinigten sich in edlem Streben »eine lebendige Sprache für das ganze Volk, ein Ausdruck seiner Anschauungen, Ideen und Interessen zu werden. So waren sie sich ihrer höchsten Aufgabe wieder bewusst geworden,»dem öffentlichen Leben des ganzen Volkes als Ausdruck zu dienen, indem sie seinen gemeinsamen Bedürfnissen ein höheres Gepräge verleihen, seine religiösen Anschauungen in das Gewand der Schönheit hüllen, seine geschichtlichen Erinnerungen verherrlichen, und den nationalen Geist sich selber im idealen Spiegelbilde zur Anschauung bringen.« Keine von ihnen, soweit es ihr eigen- thümliches Wesen zuliess, ist an den Nibelungen theilnahmlos vorüber gegangen. Wie die Poesie dieselben zum idealen Spiegelbild des nationalen Geistes ihrer Gegenwart zu machen ver- sucht hat, das werden wir weiterhin eingehender zu verfolgen haben; wie sie von Malerei und Musik dabei unterstützt wurde, dessen wollen wir beiläufig gedenken.

IV.

Bearbeitungen.

So sehr man auch von dem Werthe der Nibelungen als Rest alter Poesie und Sagen- Geschichte überzeugt war, Eins sah man als verbesserungsfähig und-bedürftig an, nämlich die Form der poetischen Einkleidung. Dieselbe enthielt scheinbar ganz und gar nichts von der Strenge, welche man an den Minneliedern bewunderte; man mochte aber ihre Rohheit ihrer Ab- stammung aus der Volkspoesie verzeihen. Damit schien aber die Nothwendigkeit einer Umar- beitung geboten. Der erste, welcher auch hier Hand ans Werk legte, war Bodmer. Er wählte aus naheliegenden Gründen das heroische Versmass, und bearbeitete so den II. Theil unter dem Titel: Die Rache der Schwester(cfr. Kalliope. Zürich 1767. 8. Bd.), doch, wenn er auch des Hexameters mehr Meister gewesen wäre, der Versuch wäre misslungen gewesen. Er selbst erkannte das; denn er versuchte nun eine romanzenartige freie Uebersetzung in vierzeiligen Strophen, und bearbeitete auf diese Weise einzelne Stücke als»Der Königinnen Zank;«»Sigfrids mordlicher Tod«;»Die wahrsagenden Meerweiber«(cf. Balladen Bd. II. pg. 150 178).

Bodmer blieb vorläufig allein. Als das Ganze in der Müller'schen Ausgabe erschienen war, da mehrten sich die Versuche. Schon 1783 erschien im»Deutschen Museum« eine mit G. ¹) unterzeichnete treue Uebersetzung eines mittleren Stückes und des ganzen Schlusses. Gleichzeitig und an demselbeu Orte veröffentlichte Hegewisch die wörtliche Uebersetzung sammt einer freien Nachahmung in den Amphibrachen von Bürger's Lenardo und Blandine. Daunn vergingen wieder zwei Jahrzehnte. Als die ersten Proben der von der Hagen'schen Uebersetzung sammt dem Inhalt des Ganzen in den ersten Heften der»Eunomia« 1805 erschienen waren, theilte an derselben Stelle(im Maiheft) Chr. Niemeyer den Anfang des Lieds»Chriemhild und Siegfried« in

¹) Raumer vermuthet, der Verfasser sei der schon genannte Botaniker und Hamburger Bibliothekar Paul Dietrich Giseke. Musterschule 1876.. 4