Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Väter lauschte«, und sollte auch darüber das eine oder andere lateinische Pensum vernach- lässigt werden. ¹)

Lassen wir zum Schlusse noch eine Stimme zur Geltung kommen, welche zwar unter den Gegnern der romantischen Verirrungen ebenfalls mitgeklungen hat, die wir aber hier wohl kaum vermuthen sollten; es ist die Heinrich Heine's. Niemand wird seine Angriffe auf Platen(Reisebriefe 1828, Italien II. Cap. XI) ohne Indignation lesen, selbst wenn dieselben gerechtfertigt gewesen wären. Sie gehen weit hinaus über seine gewöhnliche Art des saloppen Aburtheilens; und wollten wir hierauf allein unser Urtheil über die Stellung dieser beiden Gegner begründen, so würde dies zur Constatirung eines diametralen Gegensatzes führen. In- dessen auch unser grosses Publikum hat schon begonnen, sein Urtheil über Heine auf ein richtigeres Mass zurückzuführen; die Litteraturgeschichte hat längst in diesen beiden Gegnern die gemeinsame Bedeutung erkannt, dass sie nächst Uhland und Rückert am meisten dazu bei- getragen haben, den Geschmack von den romantischen Abwegen auf eine bessere Bahn zurück- zubringen. Kein Kundiger wird aus Heine's Schrift über»die romantische Schule« ²) sein Urtheil über dieselbe schöpfen wollen; als Kind ihrer Zeit und mit Berücksichtigung von des Verfassers Individualität verdient sie aber immerhin eine Beachtung. Mit Verwunderung stösst man auf die Stellen, wo er mit grosser Pietät von der Poesie des Mittelalters spricht; mit richtigem Blicke erkennt er in den Sagen der profanen Poesie, gegen die geläufig gewordene romantische Auffassung noch»die ganze vorchristliche Denk- und Gefühlsweise«;»da stehen noch, wie Stein- bilder, die starren Kämpen des Nordens, und das saufte Licht und der sittige Athem des Christenthums dringen noch nicht durch die eisernen Rüstungen.« So ist ihm auch das Nibe- lungenlied»von grosser gewaltiger Kraft.«»Die Sprache ist von Stein, und die Verse sind gleichsam gereimte Quadern. Hie und da aus den Spalten quellen rothe Blumen hervor, wie Blutstropfen, oder zieht sich der lange Epheu herunter, wie grüne Thränen. Von den Riesen- leidenschaften, die sich in diesem Gedichte bewegen,« können sich die Franzosen keinen Begriff machen. ²)»Kein Thurm ist so hoch und kein Stein ist so hart, wie der grimme Hagen und die rachgierige Chriemhilde.« Und wie heisst der Name des Dichters, der das Nibelungenlied geschrieben« hat? Er ist vergessen von den Menschen, die von den grössten Denkmälern der Vergangenheit keinen Urheber anzugeben wissen.»Der Baum der Menschheit vergisst des stillen Gärtners, der ihn gepflegt in der Kälte, getränkt in der Dürre und vor schädlichen Thieren geschützt hat; aber er bewahrt treulich die Namen, die man ihm in seine Rinde unbarmherzig eingeschnitten mit scharfem Stahl und er überliefert sie in immer wachsender Grösse den spätesten Geschlechtern.«

Brechen wir hier ab. Die wenigen aufgeführten Zeugen mögen bestätigen, dass man über die Schulmeinungen und politischen Tagesfragen hinweg nicht nur in das Verständniss des Mittelalters tiefer eingedrungen war, sondern auch an Pietät vor dessen Dichtungen stetig fort- schreitend gewonnen hatte. Das Urtheil wurde um so ruhiger, je mehr die Wissenschaft das Moos an den alten Steinen entfernte und man nun die feinen Linien und die alten Inschriften erkannte und verstand. Zur selben Zeit, als man begann, die halbvollendeten Dome aus der

¹) Wir verweisen auf die Schrift selbst, welche manche treffende Beobachtung enthält, deren Wiedergabe wir uns hier versagen müssen.

²) 1833 geschrieben für die Europe littéraire. cf. besonders Heine's sämmtliche Werke. Hamburg 1861 VI, pag. 25 u. 200.

*) Ich übergehe das barocke Bild, in welchem Heine die alten Dichtungen mit den gothischen Domen ver- gleicht, welche der Notre-Dame de Paris die Cour machen. Man vergleiche ausserdem noch VII, 85 ff.